Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Teilen bringt Segen

Mit dem Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren erlebte Deutschland einen gewaltigen Umbruch. Bischöfin Rosemarie Wenner erinnert an die Solidarität, die damals vieles erst möglich machte und die heute die Flüchtlinge benötigen, die zu uns kommen.

Was war das für eine bewegte Zeit im Herbst 1989: Friedensgebete, Montagsdemonstrationen und dann, unerwartet, offene Grenzen! Nach dem Freudentaumel vom 9. November folgte harte Arbeit, um dem Wandel Gestalt zu geben. Der EmK-Pastor Martin Lange war einer der Moderatoren des Zentralen Runden Tisches in Berlin. Auf lokaler und regionaler Ebene waren Kirchenleute aktiv. Alle Bürgerinnen und Bürger der DDR erlebten radikale Veränderungen. Viele hatten bald auch Enttäuschungen zu verkraften. Manche mussten sich beruflich neu orientieren oder sich mit der Tatsache abfinden, dass man im Kapitalismus offenbar nicht gebraucht wurde. Viele Ideale, für die sich mutige DDR-Bürger unter großen Risiken einsetzten, ließen sich nicht in reale Politik umsetzen.

Im Rückblick auf die Wendezeit habe ich mich auch an die Versammlungen innerhalb des Konziliaren Prozesses
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung erinnert. Da wurde die konkrete Situation in der DDR von Gottes Vision von Frieden und Gerechtigkeit in den Blick genommen.

Im Schlussdokument der 3. Vollversammlung der Ökumenischen Versammlung in Dresden, die Ende April 1989 stattfand, ist unter anderen bedenkenswerten Gedanken folgende Beschreibung von Solidarität zu finden: »Solidarität meint nicht eine einseitige Beziehung von Helfern und Hilfsbedürftigen, sondern eine partnerschaftliche Beziehung, in der beide an den Kämpfen und Hoffnungen des anderen teilnehmen, ein Füreinanderdasein und Miteinanderteilen materieller, kultureller und geistlicher Gaben. Die biblische Entsprechung für solidarisch leben heißt: den anderen Nächste werden, mit ihnen leiden und sich mit ihnen freuen. Das Teilen des eucharistischen Brotes fordert uns heraus, auch das tägliche Brot zu teilen.« Lösten wir das ein, als es um Solidarität zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland ging?

Und wie ist es heute? Ungewöhnlich viele Flüchtlinge kommen derzeit in Deutschland an. Manche meinen, so viel Solidarität könne man uns nicht abverlangen. Dabei befinden sich 85 Prozent aller Flüchtlinge in den Ländern des Südens, während in Deutschland nur 0,4 Prozent der 50 Millionen Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg, Hunger oder Armut verlassen, Zuflucht finden. In Matthäus 25,35 lesen wir das Jesuswort: »Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.«

Uns wird Segen verheißen, wenn wir mit Neuankömmlingen teilen, was wir haben. Etliche Gemeinden wagen das: Man geht in Flüchtlingsheime, schafft Begegnungsmöglichkeiten in Gemeindehäusern, bietet Deutschunterricht an und gewährt, wenn nötig, Kirchenasyl. Oftmals kommen die neuen Nachbarn auch in die Gottesdienste. Mit Liebe und Improvisationstalent versucht man, Barrieren abzubauen. Zum Glück gibt es die Bibel in fast allen Sprachen. Weil Gott auch Arabisch versteht, kann man sich im Gebet verbinden. An Gottes Tisch sind wir ohnehin alle Gäste. Wir kommen mit unserer Unfähigkeit, Solidarität zu üben, und mit unserer Angst vor Veränderungen. Gott hilft uns, Mauern abzubauen und uns Schritt für Schritt voranzutasten. Im Hinblick auf nicht eingelöste Hoffnungen von 1989 und angesichts aktueller Herausforderungen motiviert mich ein Lied von Eugen Eckert: »Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben. Gegen zu viel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit: Halte deine Träume fest.«

Bischöfin Rosemarie Wenner

Beitrag entnommer aus »unterwegs« 22/2014