Wort auf den Weg

Wer ist berufen?

Wort auf den Weg von Martin Giessbeck zu einem Vers aus dem Brief des Paulus an die Römer.

»An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!« (Römer 1,7)

Paulus spricht die Christen in Rom so an: »An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen …« Mein erster Impuls: Sind denn alle in der Gemeinde »Berufene Heilige«? Ganz normale Christen, solche wie wir es sind? »Heilig« und »berufen«, das sollen wir heute auch sein? Und ich persönlich auch? Lieber Paulus, hast du’s nicht eine Nummer kleiner? Oder liegt das vielleicht nur an dem heute etwas pathetisch anmutenden Lutherdeutsch? Nein, tut es nicht: Das gibt der griechische Urtext schon so her und auch unsere modernen deutschen Übersetzungen spiegeln das wider.

Wer ist berufen?

Mich berührt dieses Thema »Berufung«. Als Pastor bin ich ein Spätberufener. Ich war in meinem ersten Beruf Physiotherapeut. Auf dem Weg von dem einen zum anderen Beruf war mir der Begriff »Berufung« mitunter eher hinderlich als hilfreich – und zwar, weil dieses Wort die Latte so hoch legt, weil es oft so überhöht und exklusiv daherkommt. Für mich war es ein heilsamer Lernprozess, dass Berufung nicht auf einem hohen Podest steht und nur spezielle Aufgaben oder Dienste meint. Denn es ist viel einfacher und dabei auch menschenfreundlicher.

Dass Gott mich beruft, heißt für mich: Ich bin kein Produkt des Zufalls. Und der Ort, wo ich mich befinde, ist auch kein Zufall. Dazu ist es gleich, ob ich Lagerist bin oder Professorin, Schülerin oder Krankenpfleger, Banker oder Rentnerin. Alle sind »Geliebte Gottes« und »berufene Heilige«. Ich persönlich habe auch meine Arbeit als Physiotherapeut als eine Berufung erlebt. Meine Heiligkeit hängt nicht von mir selbst ab, sondern ist ein von Gott geschenkter, lebendiger Veränderungsprozess. So kann in der Bibel zu allem Möglichen berufen werden: Den Korinthern schreibt Paulus: »Zum Frieden hat euch Gott berufen« (1.Korinther 7,15). Die Galater fordert er auf, sich die Freiheit des Evangeliums zu bewahren (Galater 5,13), der Gemeinde in Ephesus schreibt er, sie sind zur Hoffnung berufen (Epheser 1,18).

Für jeden unserer Lebensbereiche

»Berufung« betrifft also nicht eine Tätigkeit, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene – auch wenn der Begriff »Beruf« sich in der Tat vom Wort »Berufung« herleiten lässt. Vielmehr gilt Berufung für jeden unserer Lebensbereiche. Sie ist im Reich Gottes nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Die spannende Frage ist dann: Wozu bin ich berufen? Wozu bist gerade du berufen? Das zu entdecken, kann für jeden von uns eine überraschende Entdeckungsreise sein!

Für uns alle gilt: Wir sind berufen zur Hoffnung. Und berufen zur Liebe. Liebe und Hoffnung zu verbreiten, ist in diesem Sinn der Beruf jeder Christin und jedes Christen. Dabei können wir uns auf Gott selbst berufen. Weil wir, wie Paulus schreibt, »Geliebte Gottes« sind. Und damit kommt bei uns ein geschenkter und lebendiger Veränderungsprozess in Gang. Als »Geliebte Gottes« und »berufene Heilige« brauchen und empfangen wir tatsächlich »Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus« (1.Korinther 1,3). Gott sei Dank!

Martin Giessbeck

Entnommen aus »unterwegs« 24/2014
Foto: wikipedia.org / Dieselducy, Andrew R - Own work / CC BY-SA 3.0