Weihnachten

Wie aus dem Jesuskind ein Jugendlicher wurde

Das Jesuskind steht im Mittelpunkt der Weihnachtszeit. Aber wie war eigentlich die Kindheit Jesu? Matthias Schmid hat sich darüber Gedanken gemacht.

Es beginnt wie eine gewöhnliche Geschichte: Eine Frau wird schwanger. Maria wird schwanger, in ihr wächst ein Kind heran, das – ja, das was ist? »Er wird Gottes Sohn genannt werden – er wird sein Volk retten« steht über diesem Kind, das im Bauch seiner Mutter geborgen ist und vor allem den Rhythmus ihres Herzschlages wahrnimmt.

»Wahrer Gott und wahrer Mensch« – wenn nicht an Weihnachten, wann dann sollen wir diesem Wunder auf die Spur kommen? Ein Weg hin zu dem Kind Jesu ist der des betrachtenden Gebetes, nicht ohne gesunden Menschenverstand und schon gar nicht ohne das Vertrauen auf Gottes Heiligen Geist.

Gerade über das Leben Jesu als Kind können wir jederzeit betend nachdenken: beim Spazierengehen, im Auto, im Garten, beim Holzhacken, im Urlaub – wir können daran denken, wenn wir Eltern und Großeltern werden. Die Kindheit Jesu hat mit uns zu tun, wir alle waren Kinder, wir alle haben unsere Familien. Das Betrachten Jesu Kindheit kann uns helfen, uns und andere zu verstehen, diese Welt neu zu begreifen. Im besten Fall reißt es den Himmel auf, weist uns der eine und andere Gedanke hin auf die Wirklichkeit, die uns verborgen ist, in der wir eines Tages zu Hause sein werden. Und vielleicht sind dabei die Fragen wichtiger als die Antworten.

Ohne »Ja« geht es nicht

Es geht es nicht ohne das »Ja«, das Maria dem Engel gibt. Ihm folgt das »Ja« mit ihrem Körper, mit ihrem ganzen Leben. »Mir geschehe, wie du gesagt hast« – es ist ein Satz der Demut, des Staunens, der Liebe. Nur so können wir das Wunder glauben und staunend betrachten. »Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten«, sagt der Engel. Damit geht es schon los: Wie sieht ein DNA-Test bei Jesus aus? Auf der einen Seite der Chromosomen- Satz von Maria – allein das schon ist ungeheuerlich: Der Sohn Gottes trägt die grundlegenden menschlichen Bausteine in sich. Auf der anderen das Wirken des Heiligen Geistes. Hier wird seine grenzenlose Macht deutlich: Er verändert nicht nur unsere Herzen, er schafft ganz materiell neues Leben.

Und das beginnt vermutlich in einer Karawanserei. Als arme Leute können sie die Zimmer nicht bezahlen und übernachten bei ihren Tieren – wie andere Arme auch. Das war ganz normal. Waren darunter Frauen, die Maria bei der Geburt geholfen haben? Hier müssen wir uns entscheiden: Glauben wir, dass Gott ganz und gar Mensch geworden ist, ohne Joker, den er zieht, wenn es eng wird? Man kann nicht Mensch sein, ohne anderen Schmerzen zuzufügen.

Ich persönlich glaube: Maria bringt Jesus ganz normal, schweißbedeckt und stöhnend zur Welt. Sie ist glückliche Mutter eines Sohnes, sie liebt ihn von Anfang an. Seine Eltern nehmen in an, so wie er ist. Das müssen sie auch, denn die Flucht nach Ägypten geht sonst nicht spurlos an dem Säugling und Kleinkind vorüber. Im ersten Lebensjahr lernt der Mensch mehr als in jedem anderen seines Lebens. Was in dieser Zeit geschieht, lässt sich von Menschenhand nicht mehr so einfach ändern. Und normalerweise geht es schief, wenn ein Säugling erlebt, wie seine Umgebung zerbricht, wenn ihm ein Umfeld fehlt, in dem er in Ruhe diese ersten Entwicklungsschritte leben kann. Bei Jesus war es anders.

Der geborene Außenseiter?

Wie wird der kleine Junge in Nazareth gelebt haben? Schon allein seine Geburtsgeschichte hat das Potenzial in sich, ihn zum Außenseiter zu machen: Sohn einer Frau, die vor der Hochzeit schwanger geworden ist. Aus dem Gerede vom Anfang wird mit der Zeit ein leises Grummeln, das ab und zu aufflackert: »Was, kennst du die Geschichte nicht?«

Als Jesus zwölf wird, zieht er mit seinen Eltern hinauf nach Jerusalem. Es zieht ihn in den Tempel, er bleibt dort, ohne dass seine Eltern etwas davon mitbekommen. Einen ganzen Tag lang vermissen sie ihn nicht – weil es für sie normal ist, dass er bei den anderen Kindern ist, bei Bekannten und Verwandten. Jesus war integriert, das heißt, er war kein kleiner Besserwisser oder Spielverderber, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, er gehörte mit dazu, ganz normal eben.

Als Jesus in Jerusalem bleibt, ist es das erste Mal, dass er vom Tempel so angezogen wird. Seine Eltern haben nicht damit gerechnet. Davor dürfte es anders gewesen sein. Weiß Jesus als Kind schon, wer er ist? Die Geschichte im Tempel weist eher darauf hin, dass er es erst mit zwölf Jahren wirklich begreift. Möglicherweise ist es viel einfacher, nämlich so wie es bei allen Kindern ist, dass sie Gott als Selbstverständlichkeit erleben – wenn man sie denn lässt.

Eine normale Kindheit

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott die ganz alltäglichen kleinen und großen Katastrophen, die unser Menschsein betreffen, verhindert hat. Ein wichtiger Aspekt an Jesu Leben als Kind ist gerade, dass er erlebt hat, was wir auch erleben: die Freuden, die Ängste. Er hatte seinen Spaß mit den anderen, sie haben miteinander gespielt, gelacht, gestritten und sich wieder versöhnt. Das kennen wir – und wir kennen das andere, den Ärger mit den Größeren, die Versuchung, bei Kleineren selbst Macht auszuüben, wir wissen, wie es ist, wenn es weh tut, wir kennen die Sackgassen – er kennt das, er wird uns darin zum Freund und Bruder. Er weiß, wie das ist.

Und er weiß, was es heißt, Eltern zu haben. Sie lieben ihn. Sie verstehen auch nicht alles, sie machen ihre Fehler, aber sie sind für ihn da. Maria und Josef erziehen ihren Sohn im Sinne Gottes – der Geist Gottes ist bei ihnen. Das macht sie nicht zu Eltern, die immer wissen, was gut und richtig ist – aber zu wahrhaft liebenden.

Ich finde es mehr als tröstlich, dass Jesus das mit mir teilt, was mich für mein ganzes Leben prägt. Ein jeder von uns hat seine Grenzen – und wenn ich an meine komme, hilft mir zunehmend der Gedanke weiter, dass Jesus sagt: »Stell dich nicht so an, ich habe das auch durchgestanden und wenn ich das konnte, dann kannst du das auch.« Doch auch wenn es knüppeldick kommt, wenn wir in unserem Leben, im seelsorgerlichen Gespräch oder gar in einer Therapie an den Punkt kommen, an dem wir über das kleine Kind in uns weinen und manchmal mühsam den Weg zurück ins Leben finden, dann kann uns Jesus als ein Gegenüber begleiten, der das kennt. Und jetzt wird das ganze Ausmaß deutlich, das ein »Joker« hätte: Was sollte er antworten, wenn ihm der trotzige Junge in mir entgegenschleudert: »Du, du hattest immer deinen Vater bei dir. Also halt dich da raus!« Es bliebe ihm nicht viel.

So jedoch begegnet er mir auf Augenhöhe, denn er hat es auch erlebt: Dass ihn jemand tröstet, ihn in den Arm nimmt, bis der Schmerz vorbei ist. Es ist ein Wunder, dass Gott das mit sich machen lässt; deshalb sollten wir es auch tun. Ein Letztes noch, eine Frage, die nicht so wichtig ist, aber den Himmel öffnen kann: Angenommen, da war einer, der Jesus verhauen hat. Wie begegnen sich die beiden im Himmel?

Matthias Schmid

Fotos: Claus Arnold
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 25/2014