Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Wie der Glaube wachsen kann

Rituale gehören zum Leben. Bischöfin Rosemarie Wenner gibt Anregungen, wie vergessene, aber hilfreiche Rituale wiederbelebt werden können.

Das machen wir wie immer …« Diesen Satz hört man oft in der Adventszeit. In Familien und Gemeinden gibt es Rituale, wie man sich auf Weihnachten vorbereitet. »Alle Jahre wieder« scheint nicht nur ein Lied, sondern auch ein Motto zu sein. Dabei sind die biblischen Texte, die wir im Advent lesen, voll von Ansagen, dass etwas Neues passieren wird. Und wir singen: »Komm, o mein Heiland Jesu Christ!«

Wenn Gott kommt, bleibt nichts, wie es war. Wer Gott empfangen will, betet erwartungsvoll, liest die Bibel, geht in den Gottesdienst, feiert das Abendmahl und öffnet sich für die Mitmenschen, weil Gott uns oft im Nächsten oder im Fremden begegnet.

Bei der Tagung des Bischofsrats, die Anfang November in Oklahoma City in den USA stattfand, hörte ich von einer Tradition, die ich nie persönlich kennenlernte. Professor Kevin M. Watson, der Wesleyanische und Methodistische Studien an der Emory Universität in Atlanta unterrichtet, sprach über die christliche Weise, Konferenzen abzuhalten. Wesley sah »Christian Conferencing«, wie der englische Begriff heißt, als ein Gnadenmittel an.

Das Modell für diese Art, in Konferenzen miteinander nach dem Willen Gottes zu fragen, ist laut Professor Watson die methodistische Klassversammlung. Sowohl in England als auch in den Vereinigten Staaten prägte diese Form von Kleingruppenarbeit die Entwicklung der methodistischen Bewegung. Jeder Methodist gehörte einer festen Gruppe an. Wenn jemand fehlte, fragte der Leiter nach, was der Grund dafür war. Die Zusammenkünfte dienten immer demselben Zweck: Man gab sich gegenseitig darüber Rechenschaft, wie der Glaube an Christus den Alltag prägte. Das Bibellesen stand nicht im Mittelpunkt. Es ging auch nicht um mehr Wissen über das Christsein, sondern darum, wie die Gruppenmitglieder sich in ihrer Beziehung zu Gott erlebten. »Wie geht es deiner Seele? « Das war die zentrale Frage. Der Professor machte deutlich, dass es damit um den Kern des Methodismus ging, um das Wachsen im Glauben und in der Liebe, gut methodistisch Heiligung genannt.

Warum ist diese alte Tradition verloren gegangen? Es gibt manche Erklärungen: Man begann, sich immer dasselbe zu erzählen, vielleicht weil es schwer ist, über den persönlichen Glauben und die Zweifel zu sprechen. So redete man lieber über die christlichen Inhalte als darüber, wie sie einen zur Antwort herausfordern.

Ich bringe die Frage vom Bischofsrat mit, wie wir die Tradition des »christlichen Konferenzierens« im Sinne der Klassversammlungen wieder beleben können. Schließlich sind unsere Gemeinden ja genau dazu da, dass Menschen in ihnen zum Glauben finden und im Glauben wachsen, um als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu die Welt im Sinne Gottes zu verändern.

Die Adventszeit ist die rechte Zeit, um darüber nachzudenken: Wie kehrt Jesus bei mir ein und was ändert sich dadurch in meinem Leben? Wir werden nicht sofort Kleingruppen organisieren, wo diese noch nicht bestehen. Wir können aber Gelegenheiten finden, um miteinander über unsere Beziehung zu Gott zu sprechen. Das kann bei der Adventsfeier oder beim Kirchenkaffee sein. Wenn wir einander Rechenschaft geben über unsere Beziehung zu Gott, kann der Glaube wachsen und in der Liebe zur Tat werden.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Beitrag entnommen aus »unterwegs« 24/2014