Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Am Auftrag festhalten

Wer Flüchtlinge willkommen heißt, wird schnell als naiv und wirklichkeitsfremd abgestempelt. Bischöfin Rosemarie Wenner lädt dazu ein, dass wir uns nicht von Furcht und Misstrauen leiten lassen, sondern von dem, was Gott mit uns vorhat. Dabei sollen und dürfen wir uns mit Verstand und mit Herz der Wirklichkeit stellen und mit unseren Mitmenschen auf Gottes Zukunft zugehen.

Denkt vom Ende her und haltet an dem Auftrag fest, den Gott uns gibt!« Das riet Professor L. Gregory Jones von der Duke-Universität in Durham, USA, der kürzlich drei Vorträge bei einer Weiterbildungsveranstaltung der aktiven Bischöfe und Bischöfinnen der Evangelisch-methodistischen Kirche hielt. Er stellte uns die Geschichte von den zwölf Kundschaftern vor Augen, nachzulesen in 4.Mose 13 und 14: Das Land jenseits des Jordans, in das die Israeliten auf Gottes Geheiß ziehen sollten, ist ein wunderbares Land. Davon waren alle zwölf Kundschafter überzeugt. Trotzdem rieten zehn von ihnen, man solle wieder nach Ägypten gehen, da das versprochene Land uneinnehmbar sei. Nur zwei sagten: »Wenn der HERR uns gnädig ist, so wird er uns in das Land bringen und es uns geben, ein Land, darin Milch und Honig fließt!« Sie trauten Gottes Verheißung. Die anderen verharrten in Furcht und Angst.

Von der Hoffnung leiten lassen

Die Adventszeit ist in der christlichen Tradition keine vorgezogene Weihnachtsfeier, sondern eine Bußzeit. Wir sollen uns auf den kommenden Jesus ausrichten, ihm bei uns Raum geben und uns von der Hoffnung leiten lassen, dass er Heil und Leben bringt. Jesus wird wiederkommen. Dann wird zurechtgerückt, was heute schiefläuft. Gottes Reich wird vollendet werden.

Wie genau das geschehen wird, kann kein Mensch wissen. Die Bibeltexte, die uns auf dieses Ende hinweisen, sind allesamt Bilder und keine exakten Vorankündigungen. Auch über das »Wann« sollen wir nicht spekulieren. Unsere Vorstellungen von Raum und Zeit werden ohnehin gesprengt, wenn Gottes Ewigkeit in die Zeit hereinbricht. Die Bilder vom Ende, die wir in der Bibel sehen, lassen uns hoffen: Terror, Krieg, Krankheit, ja sogar der Tod werden überwunden sein.

Von dieser Hoffnung beseelt arbeiten wir vom guten Ende her auf das gute Ende zu. Das mag für viele Zeitgenossen naiv klingen. »Sehen Sie die Gefahren nicht, die auf uns lauern?«, werde ich manchmal gefragt, wenn ich zu Begegnungen mit Flüchtlingen aufrufe. Doch. Wer von Gottes gutem Ende her denkt, leidet nicht unter Realitätsverlust. Die Herausforderungen für die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft sind riesig, zumal nach den Anschlägen in Paris die Angst umgeht. Integration kostet Geld und wird Zeit brauchen. Es gibt viele soziale Aufgaben, die wir nicht vernachlässigen dürfen, weil die Flüchtlingshilfe gerade so wichtig ist.

Alle sitzen an Gottes Festtafel

All dies weiß ich und ich lade dazu ein, sich mit Verstand und Herz der Wirklichkeit zu stellen. Dabei lasse ich mich nicht von Furcht und Misstrauen leiten, sondern von dem, was Gott mit uns vorhat. Die Bilder, die die Bibel vom Reich Gottes zeichnet, kennen keine Trennungen zwischen Deutschen, Syrern oder Bosniern. Menschen aller Nationen und aller sozialen Schichten sitzen nebeneinander an Gottes Festtafel.

Wenn Gott alles in allem sein wird, werden unsere Fragen hinsichtlich der verschiedenen Religionen gelöst sein. Weil ich das glaube, gehe ich Risiken ein und halte manche Unsicherheit aus. »Zurück nach Ägypten« ist bei Licht betrachtet keine Option. Ich mag mich sicherer fühlen dort, aber es herrschen Enge, Angst, Neid und Unterdrückung. Stattdessen will ich mit Jesus als Wegbegleiter auf Gottes Zukunft zugehen und meine Mitmenschen in Jesu Namen einladen, mitzukommen.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamps, © Öffentlichkeitsarbeit der EmK
Hintergrund: Wikipedia.org/Colin / CC BY-SA-3.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 24/2015