Die Zuhörerschaft beim »Fachtag Homosexualität« im Oberin-Martha-Keller Haus in Frankfurt am Main

Die Zuhörerschaft beim »Fachtag Homosexualität« im Oberin-Martha-Keller Haus in Frankfurt am Main

Homosexualtiät und Kirche

Ein konstruktiver Dialog ist möglich

Über Homosexualität diskutierten 200 Methodisten bei Veranstaltungen in Frankfurt und Berlin. Die Gespräche sollen fortgeführt werden.

Am vergangenen Samstag (7. März) diskutierten in Frankfurt am Main rund 40 Teilnehmer über die Haltung der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) zur Homosexualität. Diese Veranstaltung trug damit das zwei Wochen zuvor schon in Berlin diskutierte Thema weiter. Beide Veranstaltungen dienten dazu, die Positionen innerhalb der EmK in Deutschland zum Thema Homosexualität deutlich zu machen und deren Vertreter miteinander ins Gespräch zu bringen. Die von gegenseitigem Respekt bestimmten Gespräche und Diskussionen zeigten, dass die Positionen noch weit auseinander liegen. »Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind« brachte es ein Beitrag am Schluss der Veranstaltung in Frankfurt auf den Punkt. Dabei betonten beide Seiten, dass in der Kirche der missionarische Auftrag Priorität hat. Die Diskussionen um Homosexualität seien zwar wichtig, aber es handle sich dabei weder um ein zentrales Thema noch gehe es dabei um eine Frage des Heils. Deshalb sei die Diskussion um Homosexualität »keine Spaltung der Kirche wert«, wie Bischöfin Rosemarie Wenner in ihrem Statement hervorhob.

Der Fachtag in Frankfurt befasste sich in zwei Themenblöcken mit der Darstellung homosexueller Identität aus psychologischer Sicht und der biblisch-exegetischen Betrachtung. In beiden Themenblöcken kamen Vertreter gegensätzlicher Ansichten zu Wort. So beschrieb Jochen Kramer, promovierter Psychologe am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen und Mitglied im Verband von Lesben und Schwulen in der Psychologie, die unterschiedlichen Faktoren, die auf die sexuelle Entwicklung einwirkten. Nach aktuellem Forschungsstand gebe es genetische und soziale Faktoren, die auf die sexuelle Orientierung Auswirkung hätten. Für die aktuelle Fragestellung in der EmK zog er daraus den Schluss: »Mit Erkenntnissen der Psychologie ist die Ungleichbehandlung Homosexueller bei Segnung und Zulassung zur Ordination nicht zu rechtfertigen.«

Wolfgang Berner aus Gröbenzell bei München kommt als Lebens- und Sozialberater (BTS und Beratungspsychologie der Universität Lee) bei ähnlichen Darlegungen zu den Ursachen von Homosexualität zu einer anderen Schlussfolgerung. Es sei zwar anzuerkennen, dass es nicht-veränderbare Homosexualität gebe. Aber der medial überproportionalen Thematisierung von Homosexualität müssten »gesunde Familienstrukturen« gegensteuern. Gemeinden könnten vorbeugend aktiv sein durch Seminare zur Selbstfindung, positive Darstellung von Sexualität und die Aufarbeitung von familiären Defiziten.

In der biblisch-exegetischen Betrachtung betonte Jörg Barthel, Professor für Altes Testament an der Theologischen Hochschule der EmK in Reutlingen (THR), »dass wir die Bibel immer im Licht unserer Kategorien, Standpunkte und Erfahrungen lesen«. Die biblischen Aussagen zur Homosexualität könnten seiner Meinung nach »nicht unbesehen auf heute gelebte Formen gleichgeschlechtlicher Liebe bezogen werden«, es gehe vielmehr darum »welche Leitlinien sich vom gesamtbiblischen Zeugnis her für den Umgang mit homosexuell empfindenden Menschen gewinnen lassen«. Der Umgang Jesu mit »stigmatisierten Menschen am Rand der Gesellschaft« lade dazu ein, »unsere Begriffe von Normalität und Natürlichkeit immer wieder neu zu überprüfen und am Maßstab der Nachfolge Jesu auszurichten«.

Roland Gebauer, Professor für Neues Testament und Rektor der THR, erläuterte in seinen Ausführungen zu den biblischen Texten um Sexualität und Homosexualität, dass »die Zuordnung der beiden Geschlechter und die Verortung der Sexualität im Gegenüber von Mann und Frau« eine »schöpfungsmäßige göttliche Ordnung« sei. In seinen Folgerungen für die Praxis betont Gebauer, dass »homosexuelle Männer und Frauen in unserer Kirche willkommen sind und wir ihnen das auch zeigen und sie spüren lassen müssen«. Allerdings solle »die Kirche homosexuelle Partnerschaften oder Ehen nicht segnen«, weil dies der »vom Schöpfer gesetzten Ordnung« widerspreche. Auch eine Ordination sei seiner Meinung nach nicht möglich, weil eine praktizierte Homosexualität nicht im »Einklang mit Gottes Wort und Willen« sei.

Die Berliner Veranstaltung hatte die Hintergründe der beiden Hauptpositionen und deren Zielsetzungen stärker thematisiert. Für die »Initiative für mehr Respekt und gegen Diskriminierung in der EmK« hatte Christian Voller-Morgenstern, Superintendent im Berliner Distrikt, die Forderungen erläutert. Homosexualität sei eine »Variante der Schöpfung«. Aus diesem Grund sei ein respektvoller Umgang mit allen Menschen ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung nötig. Zudem seien die diskriminierenden Regelungen in der EmK abzuschaffen. Ziel sei, die Segnung von homosexuellen Paaren und die Zulassung und Ordination zum geistlichen Amt zu ermöglichen. »Wir brechen das Schweigen und suchen das Gespräch« sagte Voller-Morgenstern.

In Erwiderung dazu vertritt die Initiative »Pro Respekt VLO!« die Meinung, die jetzigen Regelungen der EmK-Kirchenordnung (Verfassung, Lehre und Ordnung, abgekürzt VLO) uneingeschränkt beizubehalten. Für die Initiatoren von »Pro Respekt VLO!« erklärte Frank Drutkowski, Pastor in Berlin-Lankwitz, dass »wir die Änderung der Kirchenordnung nicht für den richtigen Weg halten, das Gespräch anzuschieben«. Die Klärung von Ordnungsfragen müsse sich an biblischen Inhalten ausrichten und könne nicht durch seelsorgerliche Maßnahmen entschieden werden. Die biblischen Texte mit ihrer Ablehnung praktizierter Homosexualität dürften nicht »nivelliert« werden.

Bei beiden Veranstaltungen kamen durch Gesprächsgruppen, Podiumsdiskussion, Statements von homosexuell Lebenden und Angehörigen von Homosexuellen viele Gespräche in Gang. Die dabei zu Tage tretenden Positionen zeigten die teilweise extrem weit auseinanderliegenden Überzeugungen. Trotzdem fanden die Veranstaltungen in einem ruhigen atmosphärischen Rahmen statt, obwohl bei solchen Diskussionen die Gemüter in kirchlichen Kreisen schnell hochkochen können. Dazu trug auch die von den Teilnehmern respektvoll erfüllte Bitte der Organisatoren bei, Zustimmung und Missfallen nicht durch Klatschen oder andere Äußerungen kundzutun. Dass es auch schmerzvolle Äußerungen gab, liegt in der Natur solcher Diskussionen. Davon betroffen waren auch anwesende homosexuell orientierte Menschen. Wie wichtig gerade das direkte Gespräch mit Homosexuellen und mit Angehörigen von Homosexuellen ist, zeigte das Statement eines Vaters, dessen Kind seit über 20 Jahren in einer homosexuellen Partnerschaft lebt. Auf die von manchen behauptete Verwerfung von Homosexuellen im göttlichen Gericht beteuerte er: »Ich würde lieber mit meinem Kind ›draußen‹ stehen bleiben. Die Liebe zu meinem Kind kann ich nicht aufgeben.«

»Das Gespräch miteinander muss weitergehen«, äußerten zahlreiche Teilnehmer am Schluss beider Veranstaltungen. Es müsse den Fragen »Wie lesen wir die Bibel?« oder »Warum wählen wir manche Bibeltexte als maßgebend aus und andere nicht?« weiter nachgegangen werden. Spürbar war, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema viele Ängste weckt, weil manche den Glauben und das kirchliche Leben als gefährdet erachten. Dem Ruf »Wir brauchen noch Zeit!«, mit dem eine zurückhaltende Vorgehensweise gefordert wurde, hielten andere entgegen, dass Homosexuelle schon sehr lange auf Veränderungen warteten. Wenn der Ruf nach Zeit in einen erkennbaren Gesprächsfortschritt münde, sei das gut. Wenn damit nur unwillig auf Zeit gespielt würde, untergrabe das den erstrebten respektvollen Umgang.

»Beide Veranstaltungen stehen beispielhaft für eine respektvolle Gesprächskultur«, war der anerkennende Kommentar eines Beobachters, der beide Veranstaltungen verfolgte. Der Appell, mit dem der Alttestamentler Jörg Barthel sein Statement abschloss, kann für den weiter nötigen Gesprächsprozess als Orientierung dienen. Er forderte »beide Seiten« auf, anders Denkende und Lebende nicht zu verachten oder zu verurteilen. Wenn dies beherzigt werde, könne ein konstruktiver Dialog gelingen. Allerdings, so Barthel, »nur wenn auch homosexuell empfindende Menschen mit ihren Geschichten selbst zu Wort kommen«.

Klaus Ulrich Ruof

Foto: Volker Kiemle, © EmK Öffentlichkeitsarbeit