Bischöfin Rosemarie Wenner

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Geschichte als Wegweiser für heute

Die Warnungen und die Ermutigung aus unserer Geschichte sind Wegweiser für heute. Worte von Bischöfin Rosemarie Wenner zum 9. November.

»Wie konnte es passieren, dass so viele Deutsche Hitler folgten?«, fragte mich Bischof Ntambo aus dem Kongo, als wir uns kürzlich im Bischofsrat trafen. »Das frage ich mich auch oft.«, antwortete ich und zählte dann doch einige Gründe auf, zum Beispiel die von vielen als ungerecht empfundenen Reparationen nach dem ersten Weltkrieg. »Und warum machten die Leute mit, als die Juden umgebracht wurden?«, fragte mein Kollege weiter. Ich erzählte ihm von einem weit verbreiteten Antisemitismus, der auch durch manche Auslegungen des Neuen Testaments genährt wurde. Dann sprachen wir davon, dass es in Deutschland und im Kongo gefährlich ist, wenn wir beginnen, »uns« über »die« zu erheben, sei es, weil »die« einer anderen Ethnie oder einer anderen Religion angehören oder weil wir meinen, »die« würden etwas beanspruchen, was »uns« gehört.

Am 9. November erinnern wir uns an die Gräuel von 1938, die vorbereiteten, was zu der geplanten Vernichtung der Juden im Holocaust führte. Und wir blicken dankbar auf den 9. November 1989 zurück, als im Bild gesprochen die Mauer, die unsere Nation trennte, fiel. Die Warnungen und die Ermutigung aus unserer Geschichte sind Wegweiser für heute: Viele Flüchtlinge kommen in unser Land. Wir teilen sie in Gruppen ein, nach Herkunftsländern, Religion, Fluchtursache oder Fluchtweg sortiert. Das ist nötig, um Statistiken aufzustellen und die rechtlichen Prüfungen vorzunehmen. Noch wichtiger ist es allerdings, dass wir umsetzen, was unser Grundgesetz sagt: »Die Würde des Menschen ist unantastbar!« Und in der jüdisch-christlichen Tradition folgen wir gar dem Gebot: »Wenn ein Fremdling bei euch wohnt, den sollt ihr nicht bedrücken, er soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.« (3. Mose 19,33-34)

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamp, © Referat für Öffentlichkeitsarbeit der EmK