Aus der Weltstadt New York macht sich Linda Unger auf den Weg nach Meßstetten auf der Schwäbischen Alb, um dort auf die Geschichten von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu hören.

Aus der Weltstadt New York macht sich Linda Unger auf den Weg nach Meßstetten auf der Schwäbischen Alb, um dort auf die Geschichten von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu hören.

Flüchtlingsgeschichten

Heilige Geschichten

Eine Journalistin aus den USA interessiert sich im baden-württembergischen Meßsstetten für die Geschichten von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten.

Umgeben von vier jungen Männern, die sie um fast einen Kopf überragen, steht Linda Unger vor einem Supermarkt und macht eifrig Notizen. Bereitwillig geben drei Syrer und ein Iraker Auskunft über ihre Reise. Sie erzählen von ihrer langen Flucht aus Syrien und dem Irak und sind dankbar, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört.

Die Szene spielt sich ab in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb, wo sich Baden-Württembergs größtes Aufnahmelager für Flüchtlinge befindet. Seit sechs Jahren arbeitet die aus New York stammende und dort lebende Unger als Chefredakteurin des Internationalen methodistischen Hilfswerks (UMCOR, United Methodist Committee on Relief) und hat in dieser Aufgabe schon viel erlebt. Deshalb interessiert sie sich jetzt auch für die nach Amerika dringenden Nachrichten über die nicht enden wollende Zahl an Flüchtlingen, die aus den Krisengebieten des Nahen Ostens nach Europa drängen. Ihre Aufgabe als journalistische Begleitung einer Fortbildung für Mitarbeiter von UMCOR-Partnerorganisationen in Freudenstadt im Schwarzwald nimmt sie zum Anlass, sich ein eigenes Bild zu machen.

Jetzt steht sie unter den Flüchtlingen in Meßstetten und hört aufmerksam zu. Immer wieder hört sie den Satz »Danke Deutschland«. Die jungen Leute erzählen von abweisenden Erfahrungen mit Polizisten und anderen Offiziellen entlang ihres Fluchtwegs nach Europa. Sie erzählen von der Angst während der mehrstündigen Überfahrt von der Türkei auf eine griechische Insel. Zusammen mit 40 weiteren Flüchtlingen bangen sie auf dem Schlauchboot ums eigene Leben. Ihre Dankbarkeit, jetzt in Sicherheit zu sein, ist geradezu spürbar. Auf die Frage, warum sie nach Europa geflohen seien, erzählen zwei der jungen Leute ihre Erfahrungen in einem Flüchtlingscamp in Jordanien. »In Jordanien gibt es keine Jobs und keine Chance auf ein Studium.« Deshalb hätten sie sich nach zwei Jahren zur Weiterflucht entschieden. »Wir wollen studieren – Maschinenbau und Medizin», sagen sie voller Zuversicht.

Im Flüchtlings-Café, dem als Begegnungszentrum für die Flüchtlinge umgestalteten Soldatencasino der ehemaligen Bundeswehrkaserne, spricht die jede erhältliche Information aufsaugende Redakteurin mit einer Mitarbeiterin. Sie ist Direktorin eines Museums und arbeitet als Freiwillige im Café-Team mit »weil meine Eltern auch Flüchtlinge waren«. Zweimal seien sie auf der Flucht gewesen. Am Ende des Krieges als Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und später aus Ostdeutschland in den Westen. Jetzt kümmerst sie sich um Flüchtlinge und schenkt Kaffe aus. Die Tasse Kaffee kostet 20 Cent. Das sei nicht viel, sagt sie, »aber sonst würde alles selbstverständlich werden«. Abends, in einem von den Kirchen aus Meßstetten im Flüchtlings-Café angebotenen Gottesdienst, wird die Verkündigung des Pastors der landeskirchlichen Gemeinschaft ins Englische, Arabische und Aramäische übersetzt. Rund 40 Personen lauschen dem Sprachengewirr. Die eindrückliche Szenerie wird dadurch verstärkt, dass ein Christ gewordener ehemaliger Moslem die Predigt ins Aramäische übersetzt. Gleichzeitig wird sie von einem sich als atheistischen Moslem bezeichnenden jungen Mann ins Arabische übersetzt. Dass dieser bei der Feier des Abendmahls nicht nur die Einsetzungsworte übersetzt und den Menschen persönlich zuspricht, sondern auch noch bei der Austeilung des Abendmahls mitwirkt ist ein ganz besonderer Moment des Abends.

»Wenn ich das nicht mit eigenen Augen erlebt hätte, würde ich das nicht glauben«, sinniert Unger auf der mitternächtlichen Rückfahrt nach Freudenstadt. Sie ist erfüllt mit vielen neuen Erfahrungen und ihr Schreibblock voller Notizen. Stoff für viele Geschichten, »heilige Geschichten«, wie sie es nennt. In ihrer Unterrichtseinheit bei der UMCOR-Fortbildung bringt sie den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen nahe, mit den Erzählungen und notvollen Erfahrungen der Menschen sehr sorgsam umzugehen. »Bedenkt«, sagt sie, »es sind oft heilige Geschichten, die euch solche Menschen anvertrauen.« An diesem Tag, der mit einer Fahrt in die herbstliche Pracht der Schwäbischen Alb begann und bei mitternächtlicher Rückkehr in Freudenstadt endete, hat sie wieder einige heilige Geschichten gehört. Ihre Leser werden darauf schon warten.

Klaus Ulrich Ruof

Foto: © Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit

Zur Person

Linda Unger ist in New York geboren und aufgewachsen und arbeitet seit über 20 Jahren für verschiedenste kirchliche Publikationen. Seit 2009 ist sie Chefredakteurin des Internationalen Missionswerks der Evangelisch-methodistischen Kirche (General Board of Global Ministries of The United Methodist Church). Sie studierte Englische Literatur am Bethany College in Bethany, West Virginia (USA). Darüber hinaus hat sie einen Master für Spiritual Direction (Geistliche Leitung) des General Theological Seminary und ein Diplom für Zeitschriften- und Buch-Veröffentlichungen der Universität New York.