In Krisen strecken sich Menschen nach Heil und Rettung aus. Im Alten Testament hofften viele, dass ein neuer König wie David auftreten wird.

In Krisen strecken sich Menschen nach Heil und Rettung aus. Im Alten Testament hofften viele, dass ein neuer König wie David auftreten wird.

Heil und Rettung

Hoffnung mitten im Zerfall

In Krisen strecken sich Menschen nach Heil und Rettung aus. Im Alten Testament hofften viele, dass ein neuer König wie David auftreten wird. Diese Hoffnungen wurden enttäuscht. Noch heute erwarten wir von Politikern Leistungen, die sie nicht erfüllen können. Der Prophet Jesaja sieht einen Messias kommen, der anders ist. Diese Erwartung feiern wir an Weihnachten.

Er hatte Wandel und Hoffnung versprochen. Seine Worte trafen im Jahr 2008 den Nerv der Zeit. Vor sieben Jahren wurde Barak Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. So viel Begeisterung hatte seit John F. Kennedy kein Präsidentschaftskandidat mehr hervorgerufen. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, Guantanamo zu schließen und die Kriege im Irak und in Afghanistan zu beenden. Noch im ersten Jahr seiner Präsidentschaft wurde Obama der Friedensnobelpreis verliehen. Heute gilt Barak Obama als entzaubert. Die Krisen sind weltweit nicht weniger geworden. Er hat viel gewollt, aber umsetzen konnte er viele Pläne leider nicht. Auch heute wünschen wir uns Menschen in Verantwortung, die in unübersichtlichen Zeiten Ziele formulieren und dann mit Augenmaß umsetzen können. Aber meist werden unsere Hoffnungen nicht erfüllt.

Hoffnung auf einen neuen Messias

Im alten Israel sind die Könige David und Salomo noch lange nach ihrem Tod verehrt worden. Sie hatten Israel einmal zur Blüte geführt. Je schwächer ihre Nachfolger waren, umso mehr sehnte man sich nach ihnen. Die Hoffnung auf einen Messias, also auf einen Gesalbten, hat hier ihre Wurzel. Als der Prophet Jesaja im achten Jahrhundert vor Christus in Jerusalem lebte, waren die Könige aus dem Hause Davids in der Krise. Die Assyrer drohten ihre Macht auszudehnen. Es blieben nur wenige Optionen: Entweder man wird Vasall im assyrischen Großreich und zahlt Tribut oder das Land wird mit Krieg überzogen. In Jesaja 11 kann man die Trauer jener Zeit heraushören. Vom Baum des Isais, des Vaters Davids, ist nur noch ein Stumpf übriggeblieben. Vom Königshaus Davids ist keine Rettung mehr zu erwarten. Die Menschen resignieren. Was gibt jetzt Hoffnung? In der Vision von Jesaja 11 werden die Namen von David und Salomo nicht mehr genannt, ebenso wenig wie die Könige zur Zeit Jesajas. Sie bringen nicht die Rettung. Damals wie heute sind die menschlichen Möglichkeiten beschränkt. Jesaja nimmt das als Tatsache zur Kenntnis, aber seine Hoffnung bricht das nicht. Ein neuer Trieb wächst aus dem Baumstumpf empor. Auf ihm liegt alle Hoffnung.

Gottes Geist wirkt

Wir erfahren keinen Namen, wir sehen keine Gestalt. Jesaja verwendet nicht den Titel des Messias! Aber wir hören von seinen großen Qualitäten. Der Geist Gottes wirkt in ihm Weisheit und Einsicht, Rat und Kraft, Erkenntnis und Furcht Gottes. »Dieser neue Hoffnungsträger von Gottes Gnaden wird etwa die Gottesfurcht eines Abraham und eines Mose haben, die Kampfkraft und Regierungskunst eines David, die Weisheit eines Salomo… «, so erklärt der Theologe Paul Deselaers diese Eigenschaften. Er ist kein »Dilettant, der in seinem Urteil abhängig ist von seinen Hofschranzen.« Er blickt durch, kann entscheiden und durchsetzen. Vor allem aber ist er »ganz am Willen Gottes orientiert, deshalb hat er die Not der Armen und Rechtlosen im Auge.« Das gesamte Handeln dieses erhofften Messias ist vom Geist Gottes durchdrungen.

Jesus als neuer Sproß

An die Hoffnung auf einen neuen Messias, wie ihn das Jesajabuch erwartet, konnten die ersten Christen anknüpfen. Sie fanden in Jesaja 11 einen Hinweis auf Jesus als Messias. Er ist seit seiner Taufe Träger des Geistes Gottes. Erst dann beginnt er öffentlich zu predigen und zu heilen. Als Jesus das erste Mal in Nazareth predigt (Lukas 4,16-21), bezieht er Verse des Jesajabuches auf sich selbst: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen« (Jesaja 62,1).

Das altbekannte Weihnachtslied »Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart« (EM 164) nimmt das Bild aus Jesaja 11 auf. In unwirtlichen Bedingungen treibt aus einer Wurzel ein Keimling. Im Lied, das Michael Preatorius im Jahr 1609 überarbeitete, wird daraus eine Rose, ein »Blümlein«, das »mitten im kalten Winter« aufblüht. Selbst die Kälte um den noch so kleinen Keimling kann das Wachsen des Keims nicht aufhalten.

Das Jesajabuch zeigt uns einen klaren Blick auf die Realitäten. Unsere Hoffnungen auf Menschen werden immer wieder enttäuscht. Die Könige zur Zeit des Jesaja fanden keine Lösung. Die Verhältnisse sind rau. Aber der Prophet zieht sich nicht in einen Fatalismus zurück, da könne man nichts machen. Von Gott Hilfe zu erwarten ist ein Grundzug seines Glaubens. Dieser ist mehr als ein für-wahrhalten. Vielmehr machen wir uns bereit für etwas, das sich noch zeigen wird. Die messianischen Hoffnungen im Jesajabuch haben uns dafür Bilder und Worte gegeben.

Michael Putzke

Foto: Michael Putzke
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 26/2015