Bishöfin Rosemarie Wenner

Bishöfin Rosemarie Wenner

Bishöfin Rosemarie Wenner

Was wir von Martin Luther lernen können

Volker Kiemle im Gespräch mit Bischöfin Rosemarie Wenner über die Bedeutung der Reformation für den Methodismus und was uns Luther heute noch zu sagen hat.

Was bedeutet das Reformationsjubiläum für Sie?

Rosemarie Wenner: Martin Luther ist eine prägende Gestalt für alle evangelischen Christen und Christinnen. Als Kind und Jugendliche habe ich mehr von Luther als von Wesley gehört, so gab es zum Beispiel jedes Jahr am 31. Oktober einen Schulgottesdienst für »die Evangelischen«. Heute weiß ich, dass die Reformation schon vor Luther begann – in diesem Jahr denken wir zum Beispiel an Jan Hus – und dass weitere Persönlichkeiten wie Zwingli, Calvin, die Wesleys, aber auch Katharina von Bora und andere Frauen auf ihre Weise dazu beitrugen, dass sich die Christenheit ständig reformiert. Die evangelischen Kernaussagen – allein der Glaube, allein die Schrift, allein die Gnade, Christus allein – buchstabiere ich für mein persönliches Christsein und für den Weg der Kirche.

Welche Bedeutung hat das Jubiläum für die EmK in Deutschland?

Rosemarie Wenner: Wir müssen uns selbst noch einmal bewusst werden, inwiefern wir eine Kirche in reformatorischer Tradition sind. Das kann uns helfen, den Kern unseres eigenen Kirchenverständnisses neu zu entdecken: uns selbst und unsere Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen, damit Gottes Gnade wirksam werden kann. Insofern sehe ich das Jubiläum als Chance, auch wenn es kein spezifisch methodistisches Jubiläum ist.

Was ist spezifisch reformatorisch an der EmK?

Rosemarie Wenner: Unsere Kirchengeschichte und unsere Theologie sind mit den reformatorischen Kernaussagen verbunden. Charles und John Wesley wurden auch durch Christen der Herrnhuter Brüdergemeine geprägt. Die Erlebnisse, die die beiden Wesleys als entscheidende Erfahrungen nennen, haben mit Luthers Schriften zu tun: John Wesley verweist darauf, dass sein Herz beim Verlesen der Vorrede Luthers zum Römerbrief »seltsam erwärmt« wurde, Charles Wesley machte eine ähnliche Erfahrung im Bedenken der Vorrede Luthers zum Galaterbrief. Die Erkenntnis, dass wir im Vertrauen auf Christus allein aus Gottes Gnade gerettet werden, haben beide als befreiend erlebt. Sie haben das »allein aus Gnade« dahingehend weitergeführt, dass Gottes Gnade das ganze Leben prägt und im tätigen Christsein und im Wachsen in der Heiligung
ihre Kraft erweist.

Welche Bedeutung hat das Jubiläum für die EmK international?

Rosemarie Wenner: In den USA findet das Jubiläum Beachtung, weil wir dort seit einiger Zeit mit der Evangelisch-lutherischen Kirche von Amerika (ELCA) in Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft leben. Das ist ein wichtiger ökumenischer Kontakt und man nimmt auf der Ebene des Bischofsrats aufmerksam wahr, was die ELCA zum Reformationsjubiläum macht und will sich auch an den internationalen Feiern hier in Deutschland beteiligen. Ansonsten wird vor allem in Europa über das Reformationsjubiläum geredet.

Was können wir heute von Luther lernen?

Rosemarie Wenner: Der Glaube, der sich in Christus gründet, wird uns geschenkt, erneuert unser Leben und befreit uns zu wachem Christsein mitten in der Welt. Diesen Kern gilt es zu bewahren und zu entfalten. Darüber hinaus können wir auch von der Persönlichkeit Martin Luther manches lernen: Für die eigenen Überzeugungen eintreten und mutig den Weg des Glaubens gehen, diese Tugenden sind auch heute wichtig. Beim Jubiläum geht es auf alle Fälle nicht in erster Linie um eine Rückschau und die Würdigung Luthers im Rahmen der Kirchen- und Weltgeschichte, sondern darum, die Kernbotschaft des christlichen Glaubens bekanntzumachen.

Welche Chancen bietet das Jubiläum für die Ökumene?

Rosemarie Wenner: Die Verantwortlichen der evangelischen Kirchen haben von Anfang an betont, dass sie das Jubiläum ökumenisch feiern wollen. Verständlicherweise liegt der Fokus dabei besonders auf den Beziehungen zwischen den Landeskirchen und der Römisch-katholischen Kirche. Die Reformationsgeschichte bedeutet eben auch eine schmerzhafte Trennung von der Römisch-katholischen Tradition, die Verwerfungen und sogar Kriege mit sich brachte. Es ist gut, diese Geschichte noch einmal anzuschauen und weitere Schritte der Versöhnung zu gehen. So werden die theologischen und menschlichen Annäherungen wie die vertrauensvolle ökumenische Zusammenarbeit auf vielen Ebenen und wachsende Übereinstimmungen in Lehrfragen, wie zum Beispiel die auch von den Methodisten getragene Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, gewürdigt und fortgeführt. Als evangelische Freikirchen bringen wir uns gern in diese Prozesse ein und schauen dabei in Gesprächen mit evangelisch-landeskirchlichen Partnern auch auf unsere spezifischen Erfahrungen.

Was können EmK-Gemeinden vor Ort tun?

Rosemarie Wenner: Als EmK engagieren wir uns zum Reformationsjubiläum vor allem als Teil der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). So hat etwa die ACK in Deutschland die Liturgie der Gebetswoche für die Einheit der Christen 2017 erarbeitet. In aller Welt und in Deutschland beschäftigen wir uns in der Weltgebetswoche mit der Reformationsgeschichte in ökumenischer Perspektive. ACK und VEF planen auch Veranstaltungen in Wittenberg im Jahr 2017, und bei dem Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg und anderen Städten sind wir ebenfalls dabei. Ich wünsche mir, dass unsere Gemeinden die vielen ökumenischen Anlässe wahrnehmen, die das Reformationsjubiläum bietet. Sie helfen uns, dass wir die Frage, was evangelisch sein bedeutet, in den Gemeinden bewegen.

Foto: Gottfried Hamp, © Referat für Öffentlichkeitsarbeit der EmK
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 22/2015