Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Wunder gibt es immer wieder

Der »Friede auf Erden«, den die Engel bei der Geburt von Jesus Christus verkündet haben, scheint weit weg. Doch es gibt überall auf der Welt Menschen, die die Logik der Gewalt durchbrechen. Bischöfin Rosemarie Wenner ermutigt uns deshalb, auch in diesem Jahr mit Weihnachtswundern zu rechnen.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens«, mit diesen Worten priesen die Engel Jesu Geburt, so lesen wir es in der Weihnachtsgeschichte in Lukas 2. »Friede auf Erden?!« Als Jesus geboren wurde, beherrschten die Römer Israel. Sie »befriedeten« das Gebiet auf grausame Weise, Jesus erlebte dies am eigenen Leibe, als er den Kreuzestod erdulden musste.

Wir könnten einen Gang durch die Jahrhunderte machen: Wann gab es keine Kriege? Dieses Jahr spüren wir auch in Europa, dass es nicht weit her ist mit dem Frieden auf Erden. Der Terroranschlag in Paris am 13. November hat viele verunsichert. Dass sich Deutschland kurz danach entschloss, sich mit dem Einsatz von Tornados im Kampf gegen den so genannten Islamischen Staat zu engagieren, halte ich für eine unangemessene Antwort auf dieses grausame Verbrechen.

Kampfeinsätze folgen der Logik der Gewalt. Eine stärkere Kontrolle der Finanzströme, den konsequenten Stopp von Waffenlieferungen in Krisengebiete und diplomatische Bemühungen sind meines Erachtens aussichtsreicher, um Frieden zu fördern. Aber halt: Müssen wir an Weihnachten vom Islamischen Staat, von Syrien und anderen Kriegsherden reden? Können wir uns nicht wenigstens an den Festtagen daran freuen, dass Jesus, der Heiland, geboren ist?

Gott wird Mensch. Deshalb wird ein schmutziger Stall zu einem festlichen Ort. Die junge Familie, die fern der Heimat ist, bekommt Besuch von Hirten. Das waren raue Kerle, manche nannten sie Taugenichtse. Bald kamen auch reiche und kluge Männer von weither, um das Kind zu suchen, mit dem eine neue Zeit begann. Wundersam ging es zu, als Jesus geboren wurde.

Frieden ist möglich

Seit damals gibt es unzählige Beispiele für ungewöhnliche Weihnachtsfeste. Letztes Jahr erinnerten die Evangelisch-methodistische Kirchengemeinde in Bremen und die Methodistische Gemeinde Knutsford in England gemeinsam an ein Weihnachtsfest im »Großen Krieg« im Jahr 1914. Damals wagten sich Deutsche und Engländer, die sich in Belgien in einem grausamen Stellungskrieg bekämpften, aus ihren Schützengräben. Man vereinbarte eine Waffenruhe, begrub die Toten und teilte sogar die Weihnachtsgeschenke, die aus der Heimat angekommen waren. Wenigstens für ein paar Stunden sah man in denen, die vorher und nachher Feinde waren, die man töten sollte, Mitmenschen, die sich nach Frieden sehnten.

Die Bremer Gemeinde, die schon 2014 intensive Beziehungen zu Flüchtlingen und Asylsuchenden hatte, feierte diesen besonderen Heiligen Abend mit Menschen aus dem Iran, aus Syrien, aus Ägypten und Korea. Nachdem eine Videoaufzeichnung mit Liedern aus England eingespielt worden war, sangen ein Ägypter und ein Syrer ein Weihnachtslied in arabischer Sprache, so war es im Gemeindebrief zu lesen.

Um uns her geht es nicht friedlich zu und wir selbst sind auch in manche Kämpfe verwickelt. Dieser Realität haben wir uns zu stellen. Dennoch feiern wir und hoffen, dass die Botschaft von Gott, der ein verletzliches Kind wird, uns inspiriert, dem Frieden eine Chance zu geben.

Wir rüsten in Gedanken, Worten und Taten ab, schütten Gräben zu und bauen Brücken. Die Friedensbewegung, die in Bethlehem begann, geht weiter, obwohl noch viel zu viel Gewalt herrscht. Rechnen wir also mit Weihnachtswundern, auch 2015.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamps, © Öffentlichkeitsarbeit der EmK
Hintergrund: Wikipedia.org/Colin / CC BY-SA-3.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 26/2015