Altar oder Abendmahlstisch?

Wenn wir Abendmahl feiern, versammeln wir uns am »Tisch des Herrn«. Deswegen steht in EmK-Gottesdiensträumen ein Abendmahlstisch, der allerdings oft als Altar bezeichnet wird. Was genau ist aber der Unterschied? Holger Eschmann, Professor an der Theologischen Hochschule in Reutlingen, ist dieser Frage nachgegangen.

Wenn ich in Gemeinden der Evangelisch-methodistischen Kirche oder der Evangelischen Landeskirchen zum Predigen eingeladen werde, dann erlebe ich häufig, dass bei der Führung durch den Kirchenraum die Begriffe Altar und Abendmahlstisch synonym verwendet werden. Ist denn ein Altar dasselbe wie ein Abendmahlstisch? Man könnte im Stile von Radio Eriwan antworten: Im Prinzip ja, aber beide Begriffe stehen für verschiedene Bedeutungsfelder und theologische Traditionen.

Der Begriff Altar kommt vom lateinischen Wort adolare, das übersetzt »verbrennen« bedeutet. Er erinnert an religiöse Opferkulte, bei denen eine Opfergabe auf dem Altar verbrannt wurde. Das Wort bürgerte sich zur Zeit des Kirchenvaters Augustinus (354–430) in der christlichen Kirche ein und wurde auf alttestamentliche Bibelstellen wie die Geschichte vom Dankopfer Noahs nach der Errettung aus der Sintflut (1. Mose 8,20–22) zurückgeführt. Nach diesem Vorbild musste im Mittelalter der Altar in der Kirche aus Naturstein bestehen und sollte nicht beweglich sein.

Ursprünglicher als der Begriff Altar war schon in der frühen Christenheit die Rede vom »Tisch des Herrn«, einem Begriff, der im ersten Brief des Paulus an die Korinther vorkommt (1.Korinther 10,21). Von hier leitet sich das Wort Abendmahlstisch ab, das in den evangelischen Landeskirchen und in den meisten Freikirchen der theologisch korrekte Begriff ist. Jesus Christus lädt seine Gemeinde an seinen Tisch, um ihr in der Mahlfeier neues Leben zu schenken.

In der römisch-katholischen Kirche spricht man dagegen bis heute vom Altar, und zwar im Zusammenhang mit dem sogenannten Messopfer, in dem Leib und Blut Jesu Christi real gegenwärtig werden. Freilich hat sich das Verständnis des Abendmahls in der katholischen Kirche – insbesondere seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962–1965) – stark verändert. Evangelische und katholische Abendmahlsauffassungen rücken näher zusammen. Das zeigt sich unter anderem auch beim Verständnis des Altars als Tisch und bei der Einführung beweglicher Altäre in der römisch-katholischen Kirche. Dass andererseits aber immer noch keine volle ökumenische Abendmahlsgemeinschaft möglich ist, beschreibt die weiterhin bestehenden Differenzen in der Abendmahls- und Amtstheologie der Kirchen. Betont vom Abendmahlstisch und nicht vom Altar zu sprechen, ist daher in manchen reformierten Kirchen und Freikirchen mit einem bewussten Ablehnen des Opfergedankens beim Abendmahl verbunden. Das ist aus evangelischer Sicht sachlich richtig. Es kann aber manchmal auch einen leicht antikatholischen Zungenschlag bekommen.

Vielleicht ist es weise, sich in dieser Frage Martin Luther anzuschließen, der hier einen Mittelweg ging. In den Wirren der Reformation stellte er – anders als die reformierte Tradition – den Gebrauch der Begriffe frei. Wichtig war ihm, dass der Abendmahlstisch so zu benutzen ist, dass die ganze Gemeinde sich um ihn versammeln kann und dass die Person, die das Abendmahl leitet, sich möglichst hinter den Altar/Abendmahlstisch stellen kann, um die Gemeinde bei der Feier anzusprechen. In der reformierten Tradition wurden mancherorts die Abendmahlstische sogar in die Mitte des Kirchenraumes gestellt, um sinnbildlich darzustellen, dass die christliche Gemeinde aus der Feier des Mahles und dem sich in ihm schenkenden Christus lebt.

Denn das Abendmahl ist in der gesamtchristlichen Tradition sichtbares, leibliches Wort Gottes, das in der Feier mit dem »Brot, das wir brechen« und dem »Kelch, den wir segnen« auf den Tisch kommt (1.Korinther 10,16). Von diesem Brot und Kelch leben wir, ob sie nun auf einem Altar oder einem Abendmahlstisch stehen.

Holger Eschmann

Bild: wikimedia.org / Andrey Mironov / C BY-SA 4.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 5/2016