Kirchenraum der EmK-Christuskirche Augsburg

Kirchenraum der EmK-Christuskirche Augsburg

Bombenentschärfung

Auszug aus Augsburg

Bewohner aus Augsburg und die Augsburger EmK sind am ersten Weihnachtstag auf Quartiersuche. Wegen eines Bombenfundes wird die Innenstadt evakuiert.

»Weihnachten ist bei uns diesmal wie bei Maria und Josef«, sagt der Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Augsburg. »Wir müssen am Heiligen Abend unsere Sachen packen und uns woanders eine Unterkunft suchen. »Weihnachten diesmal also nicht unter dem Tannenbaum, sondern in einer Pension in der Nachbarstadt, bei Freunden, Verwandten oder freundlichen Gastgebern.« Dass der Weihnachtsgottesdienst in diesem Jahr ausfällt, hatte die Gemeinde sofort auf ihrer Internetseite und im Schaukasten veröffentlicht, nachdem die Evakuierung wegen der Entschärfung einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg im Rundfunk bekanntgegeben worden war.

Größte Evakuierung der Nachkriegszeit in Deutschland

Die Bewohner der Augsburger Innenstadt sind an Weihnachten also auf Quartiersuche. Insgesamt sind 54.000 Menschen in jenem Teil der Stadt betroffen, in dem das Standbild von Kaiser Augustus über dem Rathausplatz thront und in dem noch alte Mauerreste aus der Zeit stehen, in der sich auch die Menschen aus Augsburg zur von Kaiser Augustus angeordneten Volkszählung aufmachen mussten. Mehr als 2.000 Jahre haben diese Steine seit der Römerzeit und seit Christi Geburt überdauert. Die Druckwelle der Explosion einer Fliegerbombe, die im Stadtgebiet gefunden wurde, könnte die historischen Mauern und die Gebäude im Umkreis von 100 Metern dem Erdboden gleichmachen. In der erweiterten Zone im Radius von etwa 500 Metern um die Fundstelle herum steht die Kirche der EmK. Auch dort müsste alles wieder neu aufgebaut werden, wenn die bei einem Tiefgaragenbau gefundene tonnenschwere Bombe tatsächlich detonieren sollte. Die Wirkung solcher Luftminen, die im 2. Weltkrieg aus den massenweise zusätzlich abgeworfenen Brandbomben wahre Feuerstürme machten, war schon damals verheerend und wäre es auch ohne den Phosphorzusatz noch heute.

Deshalb muss die Augsburger Innenstadt am ersten Weihnachtstag bis 10 Uhr komplett evakuiert werden, darunter auch das der EmK gegenübergelegene Krankenhaus sowie die berühmte welterste Sozialsiedlung »Fuggerei« und heutige Seniorenzentren. Niemals in der Nachkriegszeit war eine so große Zahl an Menschen in einer deutschen Stadt von einer Evakuierung betroffen.

Keine Gottesdienste in Augsburg an Weihnachten

Nicht nur in der EmK fällt der Weihnachtsgottesdienst aus, auch im Augsburger Dom und in weiteren 14 katholischen und sieben evangelischen Kirchen, ebenso in den Freikirchen der Innenstadt. Sogar noch für den zweiten Weihnachtstag sind etliche Gottesdienste abgesagt, denn wie lange die Evakuierung geht, weiß niemand. Nach Angaben auf der eigens eingerichteten Internetseite des Amts für Brand- und Katastrophenschutz »mindestens bis in die Nacht«.

Pastor Wolfgang Bay hatte außer der Christvesper schon den Weihnachtsgottesdienst fertig in der Schublade. Zum ersten Mal wird der Weihnachtsgottesdienst in der 1969 erbauten Christuskirche abgesagt. Der Pastor fährt Sonntagfrüh mit seiner Frau zu deren Eltern nach Baden-Württemberg. Andere aus der Gemeinde, die in der Schutzzone wohnen, haben Angebote von Familie, Freunden und Kollegen oder müssen im Hotel übernachten. Nach der Christvesper werden das Laienmitglied der Gemeinde, Axel Burger, und der EmK-Laienprediger Markus Strohmeyer alle wichtigen Dokumente, wie das Kirchenbuch oder die Mitgliederkartei, ins Auto packen und an ihrem Wohnort außerhalb der Stadt in Sicherheit bringen.

Beherrschendes Gesprächsthema

Beim »Ökumenischen Adventsfenster« im Gemeindesaal, drei Tage vor Weihnachten, sollte eigentlich die Gestaltung eines Kirchenfensters im Mittelpunkt stehen. Doch beim anschließenden Punsch- und Kaffeetrinken war die bevorstehende Evakuierung das alles beherrschende Gesprächsthema. Denn für die Menschen rund um die Augsburger EmK ist dieses Weihnachtsfest anders als sonst, weil die Sicherheit und Unverletzlichkeit des Lebens plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind. Die Gebete der Gemeindeglieder an Weihnachten schließen so vor allem die Spezialkräfte vom Kampfmittelräumdienst ein – für deren Bewahrung und das Gelingen ihrer Arbeit zum Schutz der anderen.

Foto: Iris Hahn

Die Autorin
Iris Hahn lebt und arbeitet als freiberufliche Grafik-Designerin in Augsburg und gehört zur dortigen EmK-Gemeinde. Sie ist Laiendelegierte der EmK-Augsburg bei der Süddeutschen Jährlichen Konferenz und redigiert die EmK-Zeitschrift »Frauenwege«. Kontakt: iris.hahn(at)emk.de