Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Begegnungen

Begegnung wagen

Sind wir naiv, wenn wir Flüchtlinge willkommen heißen? Diese Frage steht immer im Raum, wenn es um kirchliches Engagement für die vielen Menschen geht, die in diesen Monaten nach Europa kommen. Nein, sagt Bischöfin Rosemarie Wenner. Denn es könnte sein, dass uns Flüchtlinge zum Segen werden.

Wie können wir dem Vorwurf begegnen, unsere kirchliche Haltung sei naiv? Es genügt doch nicht, zu sagen: ›Wer immer zu uns will, kommt her! Alle sind willkommen.‹ So werden wir nicht ernst genommen!« Das sagte ein Teilnehmer zum Abschluss einer Tagung zum Thema Migration, zu der der Europäische Rat Methodistischer Kirchen und die Europäische Kommission für Mission, die die Büros für Weltmission der europäischen methodistischen Kirchen verbindet, nach Porto in Portugal eingeladen hatten.
Dieses Statement machte mich nachdenklich. Was sagen wir und wie handeln wir? Die christlichen Kirchen setzen sich einmütig dafür ein, dass die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union das tun, was in der Grundrechtecharta und der Verfassung der Europäischen Union steht: Geflüchtete haben das Recht, nach der Genfer Flüchtlingskonvention behandelt zu werden und Asylgesuche von verfolgten Menschen sind zu prüfen.
Die Menschen, die bei uns in Deutschland ankommen, wollen wir fair und zuvorkommend behandeln. Wir wehren einer Rhetorik, die Angst erzeugt, Hysterie schürt und Verallgemeinerungen Vorschub leistet. Weil wir diese Erde mit allen Geschöpfen als Gott gehörig betrachten, geht uns das Elend der Flüchtlinge in Griechenland genauso etwas an wie die Not derjenigen, die in Jordanien, in der Türkei oder in Libyen auf eine bessere Zukunft warten. 3.120 Menschen sind im ersten Halbjahr 2016 im Mittelmeer ertrunken, das sind fast doppelt so viele wie im selben Zeitraum des Vorjahres.
Methodisten aus Italien berichteten bei der Migrationskonferenz, dass sie zusammen mit weiteren evangelischen Kirchen und der römisch-katholischen Gemeinschaft St. Egidio einen humanitären Korridor für die Einreise nach Italien schaffen konnten. In Büros im Libanon, in Marokko und in Äthiopien werden jetzt Anträge von Flüchtlingen und Asylsuchenden bearbeitet. Wenn sie positiv beschieden werden, kommen die Menschen mit einem aus humanitären Gründen ausgestellten Visum per Flugzeug nach Italien. Dort werden sie von den Kirchen aufgenommen und betreut. Der Theologe und Photojournalist Paul Jeffrey erzählte in Porto, wie er in Jordanien von einem geflüchteten syrischen Jungen gesegnet worden war. »Kann es sein, dass Flüchtlinge uns zum Segen werden?«, fragte er.
Kurz nach meiner Rückkehr aus Porto war ich in Bremen und traf am Rande des Stadtkirchentages methodistische Gemeindeglieder, die aus dem Iran stammen. Ihre Zukunft ist ungewiss, doch sie strahlen Hoffnung aus, packen wo immer möglich mit an und freuen sich an der Kirche, zu der sie aus Überzeugung gehören. Viele Menschen aus unseren Gemeinden tragen beharrlich dazu bei, dass wir die Herausforderungen meistern, die mit Migration einhergehen.
Wenn wir Ängste überwinden, Vorurteile entlarven und Begegnungen mit uns fremden Menschen wagen, wächst die Gemeinschaft derer, die in kleinen Schritten die Welt im Sinne des Evangeliums verändern. Manche mögen diese Haltung naiv nennen. Ich nenne sie realistisch, kreativ, hoffnungsvoll und vor allem christlich.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamp / EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Entnommen aus »unterwegs« 20/2016