»Bin ich ein Versager?«

Uwe Hanis mit Gedanken zu den guten Vorsätzen im neuen Jahr und einem Vers aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther.

»Gehört jemand zu Christus, dann ist er ein neuer Mensch. Was vorher war, ist vergangen, etwas völlig Neues hat begonnen.« (2. Korinther 5,17 HFA)

Mitten im Januar ist es wieder so weit: Meine guten Vorsätze für das neue Jahr beginnen sich heimlich, still und leise in Luft aufzulösen. Gesünder essen zum Beispiel. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Und es klappte auch ganz gut, bis ich vorhin im Edeka an dem Regal mit meinen Lieblingschips vorbeikam: Western Style. Da ging dann alles ganz schnell: gesehen, für lecker befunden, gekauft, gegessen.

Ein anderer Vorsatz für 2016: Endlich wieder anfangen, regelmäßig zu joggen. In meinem Schrank liegt alles bereit, was man dafür braucht, und wir wohnen hier im Thüringer Wald auch eigentlich ideal dafür. Ich müsste nicht erst irgendwohin fahren, wo man gut laufen kann, sondern könnte direkt vor unserer Haustür loslegen. Nur meinen inneren Schweinehund müsste ich eben dazu überwinden. Bisher klappt das nicht.

Oder ein dritter Vorsatz: nicht mehr tratschen. Ich hatte mir fest vorgenommen, es mir im neuen Jahr zu einem ehernen Grundsatz zu machen: Ich will nur Gutes über andere erzählen, wenn sie nicht dabei sind. Und wenn ich nichts Gutes weiß, dann will ich lieber die Klappe halten als zu tratschen. Eigentlich ganz einfach, oder? Aber ich kann Ihnen sagen: So einfach sich das auch anhört, es ist – zumindest für mich – alles andere als leicht.

Bin ich ein Versager?

Um ehrlich zu sein: Meine Laune veränderte sich. Ich wurde unzufrieden mit meinen guten Vorsätzen. Bin ich wirklich so ein Versager? Was mich gerettet hat, war das Losungsbuch. Da stand für den 10. Januar als Lehrtext das bekannte Wort aus dem 2. Korintherbrief: »Gehört jemand zu Christus, dann ist er ein neuer Mensch. Was vorher war, ist vergangen, etwas völlig Neues hat begonnen.«

Wenn man den Zusammenhang dieses Verses liest, wird deutlich: Paulus erwartet alles von Jesus und nichts von sich selbst. An der einen oder anderen Stelle seiner Verkündigung habe ich durchaus Fragen an Paulus – zum Beispiel zu seinem Verständnis der Rolle von Frauen und Männern in der Familie und in der Gemeinde. Aber diese Grundhaltung, die man an so vielen Stellen in seinen Briefen findet, die fasziniert mich und macht mir Mut: Paulus erwartet alles von Jesus und nichts von sich selbst.

Wenn ich meine guten Vorsätze für das neue Jahr so anschaue, dann muss ich feststellen, dass ich wohl tatsächlich nicht die Disziplin aufbringe, mich so zu ändern, wie es gut wäre. Aber vielleicht ist dieser realistische Blick auf mich selbst ja gar nicht so schlecht. Er könnte mir helfen, von Paulus zu lernen und alles von Jesus zu erwarten – statt von mir selbst. Jesus kann mich zu einem neuen Menschen machen. Er kann Neues beginnen, das dann auch bleibt – länger als ein paar Tage. Neues, das mich wirklich prägt und verwandelt. Also weg damit. Weg mit der Liste an Dingen, die ich ändern will. Es befreit, diesen Druck ganz buchstäblich in den Müll zu werfen. Stattdessen will ich wie Paulus beten: »Mach du mich zu einem neuen Menschen, Jesus. Zu einem Menschen, der dir entspricht. Von dir darf ich wirklich Großes erwarten. Amen.«

Uwe Hanis

Foto: Volker Kiemle
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 2/2016