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Freitag, 22. Januar 2016

»Das zu erleben, war eine große Freude«

Horst Marquardt prägte die christliche Radioarbeit in Deutschland entschieden, er initiierte zahlreiche evangelikale Werke und war weltweit in der missionarischen Medienarbeit aktiv. Jetzt hat er seine eigenen Sendereihen beendet. Im Interview mit Volker Kiemle spricht der 86-Jährige über seine methodistischen Wurzeln, über die Zukunft des christlichen Radios und über den Tod.

Herr Marquardt, wann haben Sie sich in Ihrem langen Leben Gott besonders nahe gefühlt?

Horst Marquardt: Da gab es einige Situationen. Etwa, als ich meine Tätigkeit als Leiter des kommunistischen Jugendfunks aufgab und damit rechnen musste, dass mich die Stasi festnehmen würde. Da hatte ich zwar Angst und fühlte mich doch gleichzeitig von Gott getragen. Oder bei einem Flug, der uns von der Elfenbeinküste nach Burkina Faso führen sollte. Die Maschine war gerade 15 Minuten in der Luft, als die Ansage kam, dass wir wegen technischer Probleme zurückfliegen müssten. Es war auf einen Schlag still in der Kabine. Ich bekam einen Eindruck davon, wie es wohl sein muss, bevor ein Flugzeug abstürzt. Man sah ängstliche Blicke, einige schienen zu beten, auch mein afrikanischer Freund und ich haben gebetet. Wir sind dann sicher gelandet, aber dieser Moment hat sich mir tief ins Gedächtnis gegraben.

Kennen Sie Momente der Gottverlassenheit?

Horst Marquardt: So direkt nicht. Aber mitunter dauerte es sehr lange, bis eine Antwort von Gott gekommen ist – auch wenn ich mir dessen gewiss war, dass Gott eigentlich Ja sagen könnte zu meinen Plänen. Das waren Momente großer Anfechtung.

Als junger Mann waren Sie in der Hitlerjugend, dann Kommunist, heute gelten Sie als der große alte Mann des christlichen Radios. Wie kam diese Wende?

Horst Marquardt: Ich bin in einem methodistischen Haus groß geworden, war aber begeistert bei der Hitlerjugend dabei. Sogar zum Volkssturm habe ich mich gemeldet, wurde aber in den letzten Kriegstagen zur Wehrertüchtigung geschickt – und kam so aus meiner Heimatstadt Breslau heraus, bevor die Stadt eingekesselt wurde. Rückblickend erst erkannte ich, wie wunderbar Gott da in mein Leben eingegriffen hatte. Noch in den letzten Monaten des Krieges wurden mir die Augen geöffnet für den Wahnsinn des Nationalsozialismus. Ich bereute, dass ich mich so hatte verführen lassen. In Neuruppin, wo meine Mutter, mein Bruder und ich als Flüchtlinge gelandet waren, lernte ich die kommunistische Partei kennen und war begeistert von deren Parolen. Ich trat der Partei bei und erhielt eine Berufung zum Leiter des Jugendfunks beim Landessender Potsdam. In einer meiner Sendungen berichtete ich über Missstände in einer Fabrik. Der Inhalt gefiel den Vorgesetzten nicht, die Sendung wurde nicht ausgestrahlt, weil sie nicht in die Parteilinie passte. Nach kurzem Überlegen war mir klar: Wenn ich nicht berichten darf, was ich selbst gesehen und gehört habe, dann stimmt etwas nicht. Ich bin dann wohl am falschen Platz. Ich wollte nicht noch mal verschaukelt werden!

… und Sie waren orientierungslos …

Horst Marquardt: Ja, und in dieser Situation griff ich in mein Bücherregal, suchte ein Buch, von dem ich mir Hilfe versprach. Ich griff – mehr unbewusst – zu einem Neuen Testament, blätterte darin, ohne zu wissen, was lesenswert sei. Dann wurde mein Blick gelenkt auf 2. Timotheus 3: »Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und dir vertrauet ist, sintemal du weißt, von wem du gelernt hast. Und weil du von Kind auf die heilige Schrift weißt, kann dich dieselbe unterweisen ...« Das schlug ein. Gelernt hatte ich von meinen gläubigen Eltern und in der Sonntagsschule. Das erlebte ich als meine Bekehrung – auch wenn ich diesen Begriff damals nicht kannte.

Sie haben sich dann mit großem Elan in Ihre Aufgaben gestürzt, haben Theologie studiert, waren Pastor in Berlin, Wien und Wetzlar, haben viele christliche Werke und Einrichtungen gegründet. Was treibt sie an?

Horst Marquardt: Solange ich Kraft habe und eine bestimmte Aufgabe entdecke, die andere nicht anpacken, sehe ich mich gerufen, tätig zu werden. Das war bereits in der Kindheit und Jugendzeit so. Allerdings war es mir in den Jahren meines Dienstes wichtig herauszufinden, ob Gott gefällt, was da begonnen wird. Wert habe ich auch darauf gelegt zu erfahren, was meine Freunde und Glaubensbrüder sagen und ob sie zur Mitarbeit bereit sind.

Sie überblicken 55 Jahre christliche Rundfunkarbeit. Was hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Horst Marquardt: Zu sehen, wie aus dem Nichts etwas geworden ist. Am Anfang gab es ja nur die Idee, christliche Sendungen zu machen. Eine große Hilfe war Hermann Schulte, der kurz zuvor einen Verlag mit christlichen Schallplatten gestartet hatte – »Frohe Botschaft im Lied« hieß der damals. Schulte hatte einen Freundeskreis von ein paar tausend Leuten, die sich für seine Schallplatten interessierten. Diesen Leuten haben wir unsere Idee eines christlichen Senders vorgestellt, und zu unserer großen Überraschung haben sich Hunderte begeistern lassen und uns die Mittel für die ersten Sendungen zur Verfügung gestellt. Und diese Sendungen über Kurzwelle wurden von Vielen gehört – das hatte ich in dem Maß nicht für möglich gehalten! Wir bekamen zahlreiche Reaktionen und wurden ermutigt, weiterzumachen. Das zu erleben, war eine große Freude.

Wohin wird sich christliches Radio entwickeln?

Horst Marquardt: Schon jetzt läuft vieles über das Internet, das wird sich verstärken. Die Arbeit wird dann erfolgreich sein, wenn die Macher auch den Mut haben, neue Wege auszuprobieren. Nach meiner Erfahrung wird christliches Radio auch in Zukunft gebraucht. Es wird immer Menschen geben, die über dieses Medium zum christlichen Glauben finden, andere freuen sich über eine Vertiefung ihres Glaubens – das kommt den einzelnen Hörern und den Gemeinden zugute.

Sie sind ja Pastor der EmK. Was bedeutet es für Sie, Methodist zu sein?

Horst Marquardt: Ein Wort von John Wesley hat mich schon angesprochen, als ich noch nicht ahnte, welche Bedeutung es für meinen Dienst in der weltweiten Radiomission haben würde: »Die Welt ist mein Kirchspiel.« Zudem beeindruckt mich, dass Wesley dem Wort Gottes bedingungslos vertraute. Zwar zweifelte er in jüngeren Jahren, doch dann ging er unbeirrt seinen Weg und hielt sich in allen Lagen an Gottes Wort. Er rechnete einfach damit, dass Gott durch sein Wort etwas macht mit den Menschen. Das ist ja dann auch geschehen. Und schließlich gehört zum Methodismus untrennbar, dass man Benachteiligten und Notleidenden hilft.

Was wünschen Sie sich für Ihre Kirche?

Horst Marquardt: Einen geistlichen Aufbruch – das heißt auch, dass wir alle mehr von Gott erwarten. Dass man alle Skepsis gegenwärtigen Entwicklungen gegenüber ablegt, dass man das Erbe der Väter nicht belächelt, sondern von ihnen lernt. Man soll die Väter nicht kopieren, aber kapieren, was sie gemacht haben. Ich wünsche mir, dass man diesen Aufbruch ersehnt und erbetet. Mich schmerzt es, wenn ich höre, dass Gebäude verkauft und Gemeinden zusammengelegt werden. Das ist alles so rückwärtsgewandt! Wir sollten mehr vorwärtsdenken. Ich halte die Substanz der EmK für so wertvoll, dass es an der Zeit ist, mit dem Erbe mehr zu machen.

Sie sind im vergangenen Jahr 86 geworden. Denken Sie über den Tod nach?

Horst Marquardt: Ja, oft. Meine Frau und ich, wir freuen uns darauf, dass wir einmal sehen werden, was wir geglaubt und gepredigt haben.

Foto: Volker Kiemle
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 2/2016