Die Nikolaikirche in Leipzig

Die Nikolaikirche in Leipzig

Katholikentag in Leipzig

Der ins Blickfeld gerückte »Nächste«

Den Nächsten nicht als »Fall« sehen, sondern als »Gottes geliebtes Geschöpf«. Dazu fordert Bischöfin Wenner beim Katholikentag in Leipzig auf.

Beim noch bis zum morgigen Sonntag dauernden 100. Katholikentag in Leipzig fand am Freitagabend (27. Mai) der zentrale ökumenische Gottesdienst statt. Die Predigt über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter teilten sich Gerhard Feige, der Vorsitzende der Ökumenekommission in der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, und Rosemarie Wenner, die Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Im Gleichklang mit dem Herzen Gottes

Von einer »unerhörten Zumutung« sprach Bischof Feige. Jesus fordere im Gleichnis zu einem Blickwechsel auf, bei dem der Nächste nicht »definiert«, sondern »entdeckt« werde. Das habe der als ungläubig geltende und deshalb zu meidende Samariter einfach getan. »Er sieht und handelt«, so der Magdeburger Bischof, und ist deshalb »im Gleichklang mit dem Herzen Gottes«.

Gott rückt die Nächsten ins Blickfeld

»Ich sehe den Mitmenschen nicht als ›Fall‹ oder gar als ›Problem‹, sondern als Gottes geliebtes Geschöpf«, führte Bischöfin Wenner im gut besuchten Gottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche die Auslegung weiter. Es gebe wie schon damals auch heute noch »tausend Gründe, an denen vorbeizugehen, die auf einen Mitmenschen angewiesen sind«. Es gehe aber darum, so Wenner weiter, »dass ich die Nächsten an mich heranlasse, weil Gott sie mir ins Blickfeld rückt«.

Handeln und gegen den Hass aufstehen

Beide Verkündigungsteile hatten klare Bezüge zum aktuellen gesellschaftlichen Geschehen. Angesichts des Leidens vieler Menschen »können wir nicht Zuschauer bleiben«, so Feige. Deren Leiden zu ignorieren, heiße »Gott zu ignorieren«. Deshalbsei das Beispiel des barmherzigen Samariters auch heute hilfreich, so Bischöfin Wenner: »Gott ist im Mitmenschen zu finden, dem wir zum Nächsten werden. Deshalb: Geh, und handle entsprechend!« Auch Carsten Rentzing, der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, rief im Gebet dazu auf, »gegen den Hass, der uns in Worten und Brandsätzen entgegenschlägt« gemeinsam in die Welt zu gehen und Unrecht zu benennen.

»Das sollte es öfters geben«

Weil nicht alle christlichen Kirchen in der Abendmahlsgemeinschaft verbunden sind, gab es in dem ökumenischen Gottesdienst anstelle der Kommunion eine Zeremonie zur Erinnerung an die Taufe aller Christen. Ein gelungenes Beispiel für das Zusammenwirken aller Kirchentraditionen. »Das sollte es öfters geben«, war der Kommentar einer Besucherin beim Auszug aus der Veranstaltung. Beteiligt an der Liturgie des Gottesdienstes unter dem Motto »Seht, geht und handelt!« waren zudem Metropolit Augoustinos von der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und Erzbischof Julius Hanna Aydin von der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland.

Klaus Ulrich Ruof

Foto: © Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit

Weitere Informationen: Bis zum Sonntag werden beim 100. Deutschen Katholikentag rund 35.000 Dauerteilnehmer und mehrere tausend Tagesgäste erwartet. Auf dem Programm stehen unter dem Leitwort »Seht, da ist der Mensch« mehr als 1.000 Diskussionsrunden, Workshops, Vorträge, Aktionen, Konzerte und Gottesdienste. www.katholikentag.de