Die Hölle, die Macht und die Meinung der anderen

Die Hölle, die Macht und die Meinung der anderen

»unterwegs«

Die Hölle, die Macht und die Meinung der anderen

Jahrhunderte lang nutzten die Kirchen die Rede von der Hölle auch als Mittel, um Gläubige zu disziplinieren. Doch mit der Aufklärung bröckelte dieses Machtinstrument. Die Hölle verschwand damit aber nicht, vielmehr verschob sich die Angst auf das Diesseits, wie der Historiker Holger Sonnabend erklärt.

Himmel oder Hölle? Paradies oder ewige Verdammnis? Vor diese Alternative gestellt, wird sich jeder für die erste Option entscheiden. Und doch hat in vielen Kulturen und Religionen der Welt, und nicht etwa nur im Christentum, die Vorstellung von einem Ort der Qual und der Folter einen festen Platz. So entwickelten die alten Ägypter die Idee von dem Totengericht, dem sich alle Menschen zu stellen hätten, mit der von dem Totengott Osiris vorgenommenen Selektion in gute und schlechte Menschen. Die Schlechten kommen an einen Ort, wo sie die übelsten Misshandlungen erwarten.

Vergleichsweise harmlos, wenn auch nicht eben attraktiv, war die im antiken Griechenland verbreitete Konzeption vom Hades, wo die Schatten der Verstorbenen ein zwar tristes, letztlich aber wenigstens unbehelligtes Dasein fristeten. Wer sich zu Lebzeiten mit den Göttern angelegt hatte, musste allerdings mit drastischen Strafen rechnen, so wie der Mythos von Tantalos, der Inbegriff aller Qualen, beispielhaft zeigt. Geradezu sadistisch wird er zu ewigem Hunger und Durst verurteilt. Der Buddhismus kennt sieben, der Hinduismus sogar 21 Höllen.

Vorläufer und Parallelen

Die Hölle im Christentum hat also viele Vorläufer und Parallelen. Jahrhundertelang war sie bei den Christen ein fester Glaubensinhalt, beruhend auf klassischen Stellen im Neuen Testament, wie der Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen Mann (Lukas 16,19–31). Wie es scheint, kommt der Mensch ohne die Hölle nicht aus.

Oder genauer: Christliche Autoritäten sahen es nicht ungern, wenn die Gläubigen sich fürchteten und damit auch besser disziplinieren ließen. Im Höllenfeuer zu schmoren, wenn man sich nicht als guter Christ erwies, war als Drohkulisse von großer Wirksamkeit. In früheren Bibel-Ausgaben hieß es, der reiche Mann sei in die »Hölle« gekommen. In den neueren Übersetzungen ist der Begriff »Hölle« durch »Totenreich« übersetzt. Die »Hölle« geht als Name zurück auf die Luther-Erstausgabe von 1522. Der Reformator übersetzte das griechische Wort »Gehenna« mit dem deutschen Begriff »Helle«.

Ist die Hölle bei den Christen aus der Mode gekommen? Gehört sie einer veralteten, längst nicht mehr zeitgemäßen Vorstellungswelt an? Die von Luther angestoßene Reformation stellte viele tradierte Glaubensinhalte auf den Prüfstand und verwarf sie, wie das Szenario des Fegefeuers. Auf die Hölle aber wurde nicht verzichtet. Doch wollte Martin Luther die Gläubigen nicht mit Angstvisionen verschrecken und stellte daher stärker die Rolle Jesu als des Erlösers in den Vordergrund.

Die Hölle – ein Aberglaube?

Eine markante Veränderung in der Einstellung zur Hölle bewirkte ab dem 17. Jahrhundert die europäische Aufklärung. Kluge Köpfe und gelehrte Geister in Frankreich, England und Deutschland argumentierten mit dem Prinzip der Vernunft und verwiesen die Hölle als klerikale Propaganda und intellektuell nicht nachvollziehbare Urfurcht des Menschen in das Reich der Fabel und der Phantasie. Wer an die Hölle glaubt, so lautete die Botschaft, hängt einem Aberglauben an.

Einer der prominentesten Meinungsführer war der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724–1804), der die zentrale Definition des Begriffs Aufklärung prägte. Diese war demnach der »Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit«. Das resultierte die Forderung »Sapere aude!« – »Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! « Intellekt, Vernunft und Verstand aber konnten nach Kant nicht die kirchliche Lehre von der Hölle akzeptieren. Zwar könne man an alles glauben, doch etwas zu wissen, sei eine ganz andere Sache. Allenfalls könne es im übertragenen Sinne zu einer »Hölle auf Erden« kommen, wenn sich der Mensch mit schwierigen, das Gewissen betreffenden Entscheidungen herumplagt.

Jedoch markierte die Aufklärung nicht den Sieg der Ratio über die Hölle. Ohnehin erreichten die Aufklärer mit ihren Ideen mehr die intellektuellen Eliten als die breite Masse der Bevölkerung. Außerdem fühlten sich die Kirchen durch die, wie sie meinten, aufrührerischen und ketzerischen Lehren zum Widerstand herausgefordert. Sowohl die Katholiken als auch die Protestanten und unter diesen insbesondere die Pietisten bliesen zum Kampf für den Erhalt der Hölle als Schreckensszenario für Menschen, die vom rechten christlichen Weg abwichen. So wurde die Hölle von dieser Seite noch schrecklicher gezeichnet, als es in Antike und Mittelalter der Fall gewesen war.

Angst oder Buße?

Die offizielle katholische Kirche hält auch heute noch am tradierten Dogma von Fegefeuer und Hölle fest, wobei allerdings in jüngster Zeit Differenzierungen vorgenommen wurden. Sogar aus höchsten kirchlichen Kreisen und von namhaften Würdenträgern waren Aussagen zu hören, die die Hölle nicht in Frage stellten, jedoch ihre Bedeutung relativieren. Es gehe, so wird argumentiert, nicht darum, den Menschen Angst zu bereiten, sondern sie zur Buße anzuleiten und sich Gott, dem Erlöser, zuzuwenden.

Ferner wird die uralte Vorstellung, die Schuldigen müssten auf ewig und für alle Zeiten in der Hölle schmoren, ebenso relativiert wie die Lehre, das Strafmaß hänge von der Schwere der Schuld ab. Diese Haltung ist gar nicht so weit entfernt von der Einstellung der protestantischen Kirche zum Thema Hölle, in der überhaupt die Diskussionen zu diesem Komplex spürbar zurückhaltender sind.

Gleichwohl ist die Hölle und die Furcht vor ihren Schrecken nicht völlig verschwunden. Moderne demoskopische Umfragen zeigen, dass in Europa, aber auch in Amerika, die Existenz der Hölle von vielen Menschen für real gehalten wird. In dem Maße, wie Religionen sich in jüngster Zeit weltweit radikalisiert haben, werden Höllenvorstellungen reaktiviert, um Andersgläubige sowohl im eigenen als auch in fremden Lagern einzuschüchtern.

Vielen Menschen, die voll und ganz im überlieferten Glauben aufgehen und in ihm Halt und Orientierung finden, fällt es schwer, auf gewohnte Dogmen nach dem Schema »Die Guten kommen in den Himmel, die Bösen in die Hölle« zu verzichten. Das zeigen die teilweise leidenschaftlichen, emotionalen Reaktionen auch und gerade in den sozialen Netzwerken, wenn dort die Frage angesprochen wird, ob man an die Hölle glaubt oder nicht und ob man sie fürchten muss oder nicht.

Holger Sonnabend
ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Stuttgart und Autor zahlreicher Bücher über die Antik
e.

Foto: pexels / CC0
Entnommen aus »unterwegs« 23/2016