Ein Stück ungepredigte Bibel – Jörg Herrmann mit Gedanken zu einem Vers aus der Offenbarung (Offenbarung 21,8)

Ein Stück ungepredigte Bibel – Jörg Herrmann mit Gedanken zu einem Vers aus der Offenbarung (Offenbarung 21,8)

Wort auf den Weg

Ein Stück ungepredigte Bibel

Jörg Herrmann mit Gedanken zu einem Vers aus der Offenbarung: »Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder (...) deren Teil wird in dem Pfuhl sein , der mit Feuer und Schwefel brennt « (Offenbarung 21,8)

Ein Stück ungepredigte Bibel ist das: der achte Vers im einundzwanzigsten Kapitel der Johannesoffenbarung. Dabei sind die vorangehenden Verse vergleichsweise bekannt und bei denen, die sie kennen, sehr beliebt. Vom Tränenabwischen ist da die Rede, von der neuen Stadt, die von Gott aus dem Himmel herabkommt. Davon, dass es kein Leid mehr gibt, kein Geschrei und keinen Schmerz. Und dann plötzlich ein feuriger Pfuhl, aus dem es auch durch die Auferweckung der Toten kein Entrinnen mehr gibt – kein Wunder, dass da manchem Prediger der Atem stockt und er sich weigert, diese »Gewaltphantasie« mit auf die Kanzel zu nehmen! Das zeigt immerhin, dass die schreckliche Botschaft sich mitteilt, auch wenn sie dann nicht weitergegeben wird. Aber geht es an, sich einfach das Tröstliche zu nehmen und die dunkle Kehrseite auszublenden?

Vielen Bibelkennern ist es rätselhaft, warum die Offenbarung des Johannes von Bibelauslegern ein »Trostbuch« genannt wird. Wie kann es trösten, wenn da so viel Gewalt und Zerstörung geschaut wird? Das ist doch verstörend! Ich denke, dass hier oft die falsche Frage gestellt wird. Die richtige Frage ist meiner Meinung nach: Wen kann es trösten? Es gibt Menschen, die der Gewalt und Zerstörung nicht dadurch aus dem Weg gehen können, dass sie in einem Buch an einer bestimmten Stelle nicht weiterlesen. Weil es für sie Erlebtes ist, was sie nicht mehr loswerden.

Plötzlich ist Gewalt da

Als Anfang der 1990er-Jahre Jugoslawien als Staat zerfiel, zerbrachen in Bosnien plötzlich Nachbarschaften, die über Jahrhunderte miteinander nicht nur gelebt, sondern auch gefeiert hatten. Es war selbstverständlich gewesen, dass orthodoxe Christen beim muslimischen Bajram eingeladen waren, dem festlichen Fastenbrechen am Ende des Ramadan. Bosniaken feierten umgekehrt Ostern fröhlich mit, für orthodoxe Christen das höchste Fest im Jahr.

Aber plötzlich stand da der Nachbar mit einem Gewehr und forderte, sofort das Haus zu verlassen, es gehöre jetzt ihm. Wer fliehen und in ein anderes Land gelangen konnte, war privilegiert und bezahlte das mit tiefer Scham darüber, Angehörige im Stich gelassen zu haben. Nun stelle ich mir vor: Gott wischt in der neuen Welt, die endlich Heilung verheißt, die alles Leid und allen Schmerz vergessen machen kann, die Tränen ab – aber über Gottes Schulter ist das schiefe Lächeln des verbrecherischen Nachbarn zu sehen, das zu verstehen gibt: »Ätsch, ich bin auch da!«

Könnte dann die neue Welt Gottes immer noch tröstlich sein? Können die feigen Frevler, die Kämpfer für sadistische Lebenslügen, die ideologischen Zauberer, die mörderischen Vergewaltiger zu Gottes neuer Welt gehören? Würden sie diese nicht auch noch zerstören? Es muss doch einen Ort geben, an welchem die Bosheit endgültig tot ist und keine wie auch immer geartete Wiederkehr feiert!

»Ach lieber Herr, eil zum Gericht!«, heißt es im Adventslied »Ihr lieben Christen, freut euch nun«. Frevlern macht die Bibel Hoffnung nur unter der Voraussetzung, dass sie es tätig bereuen, der Bosheit Vorschub geleistet zu haben. Dass der reuige Verfolger beim Verfolgten als Gast willkommen ist (Apostelgeschichte 9); dass feige Nutznießer mit Armen das Leben wirklich teilen (Lukas 19) – solche Ereignisse sind rar. Aber es gibt sie. Gott sei Dank!

Entnommen aus »unterwegs« 25/2016
Foto: Taube: flickr.com / Parshotam Lal Tandon / CC BY-NC-SA 2.0