»Europa ist größer als die EU«

Bischöfin Rosemarie Wenner bedauert das Ergebnis des EU-Referendums und ruft zur Versöhnung auf.

Mit Bedauern und Respekt hat Bischöfin Rosemarie Wenner auf das Ergebnis des EU-Referendums in Großbritannien reagiert. »Ich hatte auf einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union gehofft, weil ich will, dass das Verbindende auf unserem Kontinent gestärkt wird«, erklärte die Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. »Jetzt haben die Wähler und Wählerinnen anders entschieden und das ist zu respektieren.«

An der engen kirchlichen Zusammenarbeit mit der Methodistischen Kirche in Großbritannien werde sich nichts ändern. Im Europäischen Rat Methodistischer Kirchen und in ökumenischen europäischen Zusammenschlüssen wie der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und der Konferenz Europäischer Kirchen werde man sich weiter gemeinsam dafür engagieren, Europa mit zu gestalten. »Dieses Europa ist ohnehin größer als die Europäische Union«, betonte Wenner.

Sie wünsche sich, dass die Europäische Union und die Menschen in Europa die Krise als Chance nutzen können. »Dazu braucht es neben dem besonnenen Vorgehen der Politik auch Bürgerinnen und Bürger, die nach dem fragen, was dem Allgemeinwohl dient und populistische Parolen, die nationale Abgrenzung fordern, als spaltend und gefährlich entlarven.«

Europas Kirchen gehören zusammen

In einem Brief an das Präsidium der Methodistischen Kirche von Großbritannien betont Wenner die starke Verbundenheit in Christus und den gemeinsamen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit für die gesamte Schöpfung. Angesichts der vielen Spaltungen in Europa komme den Kirchen eine wichtige Rolle zu. Sie erinnert an die »Charta Oecumenica«, in der sich Europas Kirchen dazu verpflichten, gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und für den Schutz gemeinsamer Werte einzutreten.

Der Präsident der Methodistischen Kirche Großbritanniens, Steve Wild, und seine Stellvertreterin Jill Barber haben an die Briten appelliert, jetzt gemeinsam die nächsten Aufgaben anzugehen. Dabei stünden die soziale Gerechtigkeit und eine Lösung der Flüchtlingsfrage ganz oben. Das Referendum habe die beste und gleichzeitig die schlechteste Seite der Demokratie zum Vorschein gebracht: Gut sei die transparente, freie und vor allem friedliche Abstimmung – etwas, das sich heutzutage selten finde. Allerdings sei im Wahlkampf von beiden Seiten Hass, Angst und Rassismus geschürt worden. Dies stehe nicht für das Land, das Großbritannien sein wolle. »Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass diese Art der Auseinandersetzung nicht die politischen Debatten der Zukunft bestimmt.«

Das »Gemeinsame Team für öffentliche Angelegenheiten« (»Joint Public Issues Team«, JPIT), dem die Baptistische Union von Großbritannien, die Kirche von Schottland, die Methodistische und die Vereinigte Reformierte Kirche angehören, hat die Menschen dazu aufgerufen, angesichts des Ergebnisses respektvoll miteinander umzugehen. Werte wie Respekt und Gerechtigkeit gälten unabhängig von der Mitgliedschaft in einer Union.

Vor der Abstimmung hatte das JPIT ausdrücklich keine Stellung bezogen. Vielmehr wurden Wahlprüfsteine veröffentlichet, die im Lichte der christlichen Botschaft sieben Themen beleuchten – besonders das Doppelgebot der Liebe zu Gott und den Nächsten. »Über welche Nächsten reden wir: jene in unserer Gemeinde, in Großbritannien, in Europa oder in der Welt? Hilft uns die wirtschaftliche Union in den Beziehungen zu einigen Ländern während sie uns in den Beziehungen zu anderen Ländern behindert? Hilft uns die Art und Weise, wie die Europäische Union Gesetze macht, bei der Erfüllung unserer christlichen Pflicht oder erschwert sie das?« So und ähnlich wurden folgende Themen abgeklopft: der EU-Binnenmarkt, Souveränität und Subsidiarität, die Bewegungsfreiheit der Menschen, Arbeit und Sozialleistungen, Frieden und internationale Beziehungen, Umweltschutz sowie Landwirtschaft und Lebensmittel.

Volker Kiemle, Reinhold Parrinello

Grafik: PublicDomain