Interessiertes Publikum beim Studium Generale an der THR

Interessiertes Publikum beim Studium Generale an der THR

Studium Generale an der THR

Globale Solidarität und Big Data

Vom Studium Generale an der THR kommen starke Thesen: Geld und Entsolidarisierung hängen zusammen und das Smartphone dient der Selbstpreisgabe.

»Geld und Entsolidarisierung hängen eng zusammen« war eine der aufrüttelnden Thesen des Theologieprofessors Ulrich Duchrow. Für die Juristin, Unternehmerin und Bestseller-Autorin Yvonne Hofstetter ist das Smartphone nicht ein Telefon, sondern ein Messgerät, das naive Menschen zur Vermessung ihrer eigenen Person freiwillig bei sich tragen. Duchrow und Hofstetter traten mit ihren aufrüttelnden Aussagen im Rahmen des Studium Generale an der Theologischen Hochschule Reutlingen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) auf.

Zum Thema »Solidarisch Mensch werden« referierte bereits Mitte November der Sozialethiker Ulrich Duchrow, der als Professor an der Heidelberger Universität für Systematische Theologie lehrt. Dabei untersuchte er das Thema Gerechtigkeit in einer globalen Perspektive und demonstrierte konkrete Handlungsmöglichkeiten, wie mit flüchtenden Menschen umzugehen sei. In einer kritischen Bilanz dokumentierte Duchrow, wie dem Geld die Geldgier folge, der Kapitalismus ein schlechter Religionsersatz sei und der Neoliberalismus zur Entsolidarisierung führe. Der das Leben zerstörende Klimawandel als Resultat menschlichen Wirtschaftens zwinge endgültig zur Umkehr. Die Kirchen in Deutschland hätten das weltweite kirchliche Aufwachen in diesen Existenzfragen zunächst verschlafen, meinte der Theologe. Seine Ausführungen wurden ergänzt durch die lokale Perspektive der Reutlinger Asylpfarrerin Ines Fischer. Wie erfrischend und anregend ein vermeintlich altlinker Politjargon wirken kann, zeigte sich an der Reaktion des Publikums.

Ende November erläuterte die Münchener Big-Data-Spezialistin Yvonne Hofstetter in ihrem Vortrag, wie die global agierenden digitalen Medien-Unternehmen umfassende Datenmengen sammeln und zusammenführen. Damit würden sie das Verhalten von Konsumenten nicht nur kennen, sondern auch nach ökonomischen Interessen steuern. Für diese Machtballung gebe es keinerlei rechtliche oder politische Legitimation. Nie habe ein Parlament darüber abgestimmt. Die Menschen machten einfach mit, weil sie sich kaum vollständig entziehen könnten, obwohl – so die Juristin Hofstetter – ein permanenter Konflikt mit den Grundrechten bestehe. Für die Frage einer grünen Stadträtin aus der Reutlinger Nachbarstadt Tübingen, ob die digitalen Medien nicht auch ein Gewinn für die Demokratie seien, hatte die Referentin nur ein müdes Lächeln übrig. Sie antwortete mit dem Titel ihres jüngsten Buches: »Das Ende der Demokratie«. Sie habe aber Hoffnung, weil die Politik auf diese entscheidenden Zukunftsfragen endlich aufmerksam werde. Zusammen mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und anderen zivilgesellschaftlich Engagierten beteiligt sich Yvonne Hofstetter an einem bisher einmaligen Vorgang: Erstmals wird dem zuständigen Ausschuss des EU-Parlaments Anfang Dezember eine Gesetzesvorlage zu digitalen Grundrechten direkt vorgestellt. Gleichzeitig stoßen große Zeitungen eine Debatte über diese Fragen an.

Das Studium Generale lädt seit einigen Jahren bedeutende Referenten zu Vorlesungsreihen über aktuelle Themen ein. Neben der Zielgruppe der Studenten und Lehrkräfte aller Reutlinger Hochschulen werden je nach Thema auch die Reutlinger Öffentlichkeit und Interessierte aus EmK-Gemeinden der näheren und weiteren Umgebung erreicht. Die aktuelle Vorlesungsreihe des Studium Generale steht unter dem Thema »Verantwortung für die Gesellschaft«. Der am 7. Dezember stattfindende letzte Vortrag der laufenden Reihe geht erneut auf die Situation ein, die mit den Flüchtlingen in deren Zielländern entstanden ist. Christine Bratu, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München, spricht am 7. Dezember zum Fragenkomplex, inwiefern und in welchem Sinne ein Staat durch seine Grenze definiert ist und ob ein moderner Staat ohne Außengrenzen gedacht werden kann.

Der Autor
Christof Voigt ist Professor für Philosophie und Biblische Sprachen sowie Pressebeauftragter der Theologischen Hochschule Reutlingen.
Kontakt: christof.voigt(at)emk.de

Weiterführende Links
Theologische Hochschule Reutlingen www.th-reutlingen.de
Studium Generale www.th-reutlingen.de/lehre-und-forschung/studium-generale

Zur Information
Die Theologische Hochschule Reutlingen (THR) ist als Einrichtung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, Österreich und der Schweiz die international ausgerichtete Studienstätte des deutschsprachigen Methodismus. Sie ist eine staatlich anerkannte Hochschule und verleiht die international anerkannten Studienabschlüsse Bachelor of Arts (B.A.) und Master of Arts (M.A.) in Theologie.

Foto: Christine Haag-Merz, THR-Öffentlichkeitsarbeit