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Freitag, 8. Januar 2016

Gott ist weder Mann noch Frau

Armin Hanf mit Gedanken zur Jahreslosung aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jesaja 66,13): »Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.«

Niemand hat Gott je gesehen. Wer von ihm spricht muss in Bildern reden. Geläufig ist es, ihn »Vater« zu nennen. Diese Bezeichnung hat es bis ins Glaubensbekenntnis geschafft: »Ich glaube an Gott, den Vater.« Doch Gott ist weder Mann noch Frau, wenn auch die Vorstellung von ihm für viele die eines »alten Mannes« sein mag. Mit der Jahreslosung für 2016 verwendet nun die Bibel den seltenen Vergleich Gottes mit einer Frau, genauer einer Mutter. Der Prophet legt die Aussage sogar Gott selbst in den Mund: »Ich will für euch sein wie eine Mutter.«

Woher kommt dieses Gotteswort?

Zunächst eine geschichtliche Einordnung: Der Tempel in Jerusalem wurde zur Zeit des Königs Salomo in den Jahren 962 bis 955 v. Chr. erbaut und 587 v. Chr., also fast 300 Jahre später zerstört. Israel musste nach Babylon gehen. Der Verlust des Tempels und das Exil waren unendlich große Katastrophen im Leben des Volkes. Nachdem dann der Perserkönig Kyros das Babylonische Reich besiegt hatte, erlaubte er im Jahr 538 v. Chr. die Rückkehr der Israeliten nach Jerusalem und den Wiederaufbau des Tempels.

Der dritte Teil des Jesaja-Buchs (Kapitel 56–66) stammt aus der Zeit um 530 v. Chr. Damals hatte die kleine Gruppe der Heimkehrer zwar die Grundmauern des Tempelgeländes wieder aufgebaut, der Weiterbau aber stockte jahrelang. In diesen Jahren tritt der namentlich unbekannte Prophet auf – mit starken Worten der Warnung, der Mahnung, aber auch des Trostes. Erst 520 v. Chr. wurde wieder am Tempel gebaut und fünf Jahre später die Tempelweihe gefeiert.

Der Prophet beschönigt nicht die politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation seines Volkes in der Zeit zwischen Heimkehr aus dem Exil und Tempelbau. Mangel und Kraftlosigkeit sind in jeder Beziehung groß, die Gesamtlage ist trostlos. Dem begegnet er mit starken Gottesworten wie: »Ich schenke euch Frieden und Wohlstand« (Vers 12). Und dann folgt das Bild von Gott, der seinem Volk zugewandt ist wie eine Mutter ihrem vor Hunger weinenden Baby.

Als Jahreslosung aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöstes Wort, verselbständigt sich nun diese Botschaft und wird zum Gotteswort für heute: Gott will, kann und wird auch uns trösten, wie eine Mutter tröstet. Jeder Erwachsene kennt die Sehnsucht, noch einmal ein Kind sein zu dürfen. Sogar Jesus warnte: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht in Gottes Reich kommen. « Der Prophet aber geht mit seinem einzigartigen Bild über das Geheimnis vom Verhältnis Gottes zu den Seinen noch einen Schritt weiter. Besser gesagt, er geht noch einen Schritt näher heran: Die tröstende Mutter ist die Frau, die ihr Kind stillt. Ein unerhörtes Bild! So nahe dürfen wir Gott kommen, an seiner Brust Geborgenheit, ja Heil und Frieden, Nahrung und gesunden Schlaf finden. Auch Jesus hat von dem mütterlichen Gott gesprochen, wenn er sagt: Ihr müsst von oben her geboren werden (Johannes 3,7) von neuem, noch einmal geboren werden – aus Gott.

Bleibt noch die Frage: Will ich das denn, was Gott will? Halte ich diese Nähe zu Gott überhaupt aus? Ein so inniges Verhältnis wie ein Säugling zu seiner Mutter? Die Antwort kann mit Psalm 131,2 gegeben werden: »Herr! Still und ruhig ist mein Herz, so wie ein sattes Kind im Arm der Mutter – still wie ein solches Kind bin ich geworden!«

Armin Hanf

Foto: »Mother-Child face to face« by Robert Whitehead - Danielle & Lilliyan Flickr. Licensed under CC BY 2.0 via Commons
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 1/2016