Bischof i.R. Dr. Franz W. Schäfer

Bischof i.R. Dr. Franz W. Schäfer

Grenzgänger zwischen zwei Blöcken

Am 10. März feiert Altbischof Franz Schäfer seinen 95. Geburtstag. Von 1966 an war er 23 Jahre lang Bischof der EmK für Mittel- und Südeuropa.

Von 1966 bis 1989 war Franz W. Schäfer Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) für die Zentralkonferenz Mittel- und Südeuropa mit Konferenzen und Gemeinden in zwei westeuropäischen und damals sechs osteuropäischen Ländern. In den Beginn seiner Dienstzeit als aktiver Bischof fiel die Vereinigung der Bischöflichen Methodistenkirche und der Evangelischen Gemeinschaft zur Evangelisch-methodistischen Kirche, die seinen vollen Einsatz forderte. Aufgrund der Vereinigung und der damit verbundenen strukturellen Veränderungen rückten die Herausforderungen der geografisch weiten, sich über zwei politische Blöcke erstreckende Zentralkonferenz zunächst im Hintergrund. Im weiteren Verlauf seiner Dienstzeit während der Zeit des Kalten Krieges, zunehmender atomarer Bedrohung, ideologischer Verhärtung und zunehmendem Misstrauen zwischen Ost und West war Schäfers Einsatz als »Grenzgänger« gefordert.

Schäfer selbst charakterisierte seine Zeit als aktiver Bischof einmal so: »Wir wussten im Westen, wo der ›Teufel‹ sitzt, und wie wir uns seiner erwehren mussten. Die östlichen Machthaber aber wussten dies auch – mit vertauschten Rollen natürlich! War es in jener Zeit möglich, in West und Ost für kirchliche Aktivitäten Mitverantwortung zu übernehmen, ohne ideologisch Kompromisse einzugehen und damit die eigene Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen? Professor Jan Milic Lochmann aus Prag schrieb später, dass mein Sprengel ein ökumenisches Unikum sei. Er verlange den Dienst an Kirchen und Gemeinden in West und Ost – das Ausüben dieses Amtes mache den Mann zum Grenzgänger zwischen zwei recht verschiedenen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Systemen. Es sei eine heikle Sache. Sehr schnell könne man zum Beispiel von westlicher Erfahrung und Gewohnheit geprägt, die Lage der Kirche im Osten entweder patronisierend betrachten, sicher wohlwollend, aber kaum solidarisch; oder auch ins Gegenteil verfallen und das Geschick der Menschen im Osten falsch idealisieren.« Und weiter sagte er im Rückblick auf diese Zeit: »Ich versuchte, mich frei zu machen von der Angst vor Strukturen, Systemen und Ideologien. Sie sind Gefäße, als solche wichtig, aber nur solange als sie den Menschen dienen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das ist in der Kirche so, aber auch im Staat und in der Gesellschaft. Es war oft schwer, hinter den verhärteten Schutzmauern der Ideologien dem Menschen zu begegnen. Wo dies aber gelang, wurde jede Begegnung zu einem Erlebnis.«

Im weltweiten Bereich der methodistischen Kirchenfamilie war Schäfer in verschiedenen Bereichen aktiv. So war er Präsident des Weltrats Methodistischer Kirchen, wirkte im Internationalen Missionswerk der EmK (General Board of Global Ministries) an der Erarbeitung eines neuen Missionsverständnisses mit und auf seine Initiative hin wurde die Europäische Kommission für Mission (European Commission on Mission, ECOM) zur Koordination der Missionsarbeit gegründet, die er über 20 Jahren hinweg als Präsident leitetet.

Als Anerkennung für seinen langjährigen Dienst am Aufbau der Kirche in Ost und West und für die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchen in Osteuropa überreichte die Comenius-Fakultät der Universität Prag Bischof Schäfer 1985 den Titel eines Ehrendoktors der Theologie.

Bischof Schäfers Nachfolger im Amt, Heinrich Bolleter, inzwischen selbst im Ruhestand, erinnert sich an ein Gespräch als junger Pfarrer mit Bischof Schäfer. »Ich habe bei ihm gelernt, im Umbruch der Zeiten nicht nur nach der neuen ›Tagesordnung der Welt‹ zu fragen, sondern zuerst und zuletzt die ›Tagesordnung Gottes‹ ins Zentrum des Dienstes der Kirche zu stellen. Die Tagesordnung Gottes führt uns zu den wahren Bedürfnissen der Menschen in Kirche und Gesellschaft.«

Bischof Schäfer ist der dienstälteste Bischof im Internationalen Bischofsrat der EmK. Im September 2016 wird er sein 50jähriges Dienstjubiläum als Bischof feiern können. Er lebt heute im Ruhestand in Zürich-Wollishofen (Schweiz).

Klaus Ulrich Ruof

Foto: emk-schweiz.ch