Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Hinter die Fassade blicken

Viele EmK-Gemeinden helfen Menschen, die suchtkrank sind. Und doch ist Sucht oft noch ein Tabu, hat Bischöfin Rosemarie Wenner beobachtet. Sie appelliert an uns, das Schweigen zu brechen und helfende Gemeinschaften zu bilden.

Mein Name ist ... und ich bin Alkoholiker!« Bei der Trainingskonferenz »Hoffnung in Sicht«, die kürzlich in Braunfels stattfand, stellten sich manche Teilnehmer so vor. Sie sprachen offen von ihrer Lebensgeschichte mit vielen Kämpfen und großen Siegen. Ich hatte ein Referat zum Thema: »Suchtkrankenhilfe – ein Auftrag der Gemeinde« zu halten. »Wenn ein Mensch von Sucht frei wird, steht er dafür, dass Veränderung möglich ist. Das ›Früher‹ und ›Nachher‹ ist selten so deutlich wahrzunehmen wie bei trockenen Alkoholikern«, sagte ich.

Die Zeugnisse von Geschwistern, die bei der Tagung dabei waren, belegten dies. »Unsere Kirche hat ein Suchtproblem«, behauptete Pastor Ole Andreassen aus Norwegen. Er erzählte, dass er dies auf seine Gemeinde bezogen lange abstritt, weil er sich nicht eingestand, wie sehr es ihn belastete, dass sein Bruder abhängig war. Heute spricht er über Sucht und erlebt, wie Menschen dies dankbar aufnehmen. Sie hatten angenommen, sie müssten ihr Problem in der Kirche verstecken.

Wir tun gern so, als sei alles heil bei uns. Dadurch bringen wir uns um die Chance zu einer heilenden Gemeinschaft zu werden. Der erste Schritt ist die Einsicht: »Ich bin krank!« Mitarbeitende aus der Auferstehungskirche in Berlin Charlottenburg erzählten, dass ihre Pastorin durch spezielle Predigtreihen mit dazu beitrug, Raum für Suchtkranke zu schaffen. Inzwischen versteht sich diese Gemeinde als Rettungsstation für Menschen in Schwierigkeiten.

Aus dem Bischofsgebiet Eurasien hörten wir, wie sich Gemeinden der Suchtproblematik in Kirche und Gesellschaft annehmen. In Samara lädt man an Samstagen Familien ein, um mit ihnen über gesunde Lebensführung, über Suchtprävention und Wege aus der Sucht zu reden. Sonntags kommen Hilfesuchende zu einem Mittagessen zusammen. Gemeindeglieder begleiten Menschen, die entweder auf einen der raren Behandlungsplätze warten oder von dort entlassen werden. Es gibt eine Kleingruppe, in der sich Menschen ein Jahr lang treffen, um das Leben ohne Suchtmittel zu üben und gleichzeitig im Glauben zu wachsen. »Menschen, die von Sucht betroffen sind, fällt es schwer zu vertrauen!«, sagte die Leiterin.

Gottvertrauen und Selbstvertrauen müssen ebenso gelernt werden wie tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen. Als ein Mitglied der russischen Delegation erzählte, dass seine Entgiftung in einem christlichen Behandlungszentrum ohne ärztliche Begleitung stattfand, fragten wir aus Westeuropa erschrocken nach, wie so etwas denn überhaupt gehen kann. Da es keine staatlichen Hilfsangebote für Suchtkranke gibt, sind die Kirchen in Russland sehr gefordert. Viele Methodisten nehmen die Herausforderung an.

Ich fuhr dankbar und nachdenklich von Braunfels weg. Dankbar, dass sich Mitarbeitende in unserer Kirche weiterbilden, um Menschen mit Suchterkrankungen zu begleiten und dass wir uns dabei über Ländergrenzen hinweg helfen können. Nachdenklich, weil diese Menschen es schwer haben, in unserer Kirche gehört zu werden. Kann es sein, dass wir uns ungern fragen lassen, wie es mit unserem Umgang mit Suchtmitteln steht? Tun wir uns schwer damit, wahrzunehmen, wie schnell wir Menschen aus dem Gleichgewicht geraten können? Wollen wir eine Fassade von heilerKirche aufrecht erhalten?

Wenn wir uns von Christus halten und heilen lassen, ist doch »Hoffnung in Sicht«. Von und mit Menschen, die von ihrer Sucht frei wurden, können wir lernen, wie wir helfende Gemeinschaften bilden können, wo jeder nimmt und jede gibt.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamp / Medienwerk der EmK
Entnommen aus: »unterwegs« 22/2016