Erntedank

»Im besten Fall sollte es 100.000 Reissorten geben«

Unser industrielles Agrarsystem, sagt die Saatgutaktivistin Anja Banzhaf, steht auf zwei sehr wackeligen Beinen: einer übernutzten Umwelt und ausgebeuteten Menschen. Peter Dietrich hat mit der Autorin eines viel beachteten Buches über Saatgut gesprochen: über Profite und falsche Versprechungen, schlaue Kleinbauern, mutige Initiativen und Saatgut aus dem eigenen Garten.

Wie sind Sie zur Saatgutaktivistin geworden?

Anja Banzhaf: Ich war in einer lokalen Gruppe aktiv, in der wir uns mit landwirtschaftlichen Fragen beschäftigten. Recht schnell wurde klar, dass zum Thema Landwirtschaft auch Saatgut gehört – und dass dies ein Thema ist, welches bisher recht wenig diskutiert wird. Wir gründeten einen Gemeinschaftsgarten, organisierten Veranstaltungen wie Saatguttauschbörsen oder Filmabende, und nach und nach wurde mir immer bewusster, welche Schärfe dieses Thema hat und wie wichtig es ist.

Laut der Welternährungsorganisation FAO gingen im letzten Jahrhundert 75 Prozent der Sorten verloren. Warum soll das tragisch sein, es muss ja keine 100.000 Reissorten geben?

Anja Banzhaf: Doch, im besten Fall sollte es 100.000 Reissorten geben. Wenn in jeder Region eine Reissorte wächst, die sich von der Sorte in der Nachbarregion etwas unterscheidet, kann jede Sorte unterschiedlich auf Schädlingsbefall, Klimawandel oder andere Stressfaktoren reagieren. Eine solche Vielfalt verleiht dem gesamten landwirtschaftlichen System eine ungemeine Widerstands- und Anpassungsfähigkeit. Aktuell jedoch verdrängen einige wenige Arten und Sorten die Vielfalt auf den Äckern – und dies geschieht bei nahezu allen Kulturpflanzen. Beispielsweise liefern die drei Arten Weizen, Mais und Reis 60 Prozent unserer Nahrungsenergie – obwohl tausende Arten als Nahrungspflanzen genutzt werden können. Eine solche Einfalt macht unser ganzes Nahrungssystem sehr anfällig.

Weltweit gibt es etwa 1.750 Genbanken mit Millionen Saatgutproben: Ist das Vielfalt in Reserve?

Anja Banzhaf: In Genbanken sind oft die letzten Saatgutproben von bäuerlichen Sorten zu finden – dafür sind sie extrem wichtig. Das Problem allerdings ist, dass Genbanken oft als einzige Strategie zum Erhalt der Vielfalt gelten und zur Rechtfertigung des Status Quo herangezogen werden. Statt Vielfalt auf den Äckern anzubauen, wird diese in Genbanken eingelagert, und auf den Äckern herrscht industrielle Einfalt. Das ist aber in meinen Augen eine völlig fehlgeleitete Strategie. Die Vielfalt muss auf die Äcker der Bauern zurück, wo Sorten gepflegt werden und sich an ändernde Umweltbedingungen anpassen können. Der Anbau von vielen Sorten durch viele Bauern ist wesentlich risikoärmer als die Lagerung tausender Saatgutproben in einem Gebäude. Hier reicht ein Stromausfall, Erdbeben oder Schädlingsbefall, um den gesamten Bestand zu vernichten.

In alten Hochkulturen wurde Saatgut heilig gehalten, es war Gemeingut, heute gilt es oft als Ware. Wie kam das?

Anja Banzhaf: Vieles hat mit dem Verständnis zu tun: Sollte ein überlebenswichtiges Gut wie Saat allen frei zur Verfügung stehen, oder kann es eine Ware wie jede andere sein? Über lange Zeit war es schwierig, Saatgut als Ware zu handhaben. Aus einem Gut, das sich von selbst üppig vermehrt, lassen sich kaum Gewinne schlagen. Dass Saatgut heute dennoch in vielen Regionen der Erde als Ware gehandelt wird, liegt daran, dass seine Vermehrungsfähigkeit in den letzten 100 Jahren durch verschiedene Mechanismen unterbrochen werden konnte: Die biologischen Mechanismen sind bestimmte Züchtungsverfahren, die Saatgut entweder komplett steril machen, oder, wie bei der Hybridzüchtung, keine verlässliche Vermehrung ermöglichen. Beides hat zur Folge, dass Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Zu den juristischen Mechanismen zählt, dass Züchter geistige Eigentumsrechte auf die von ihnen gezüchteten Sorten beanspruchen können. Damit ist es rechtlich verboten, Saatgut dieser Sorten zu vermehren. Ein weiterer juristischer Mechanismus ist die Saatgutgesetzgebung. Sie regelt, dass nur Saatgut bestimmter Sorten verkauft werden darf. Durch diese Mechanismen wird Saatgut, das eigentlich in Hülle und Fülle vorhanden ist, künstlich zu einem knappen Gut gemacht. Da jeder Bauer Saatgut benötigt, ist das Geschäft damit äußerst lukrativ.

Wer profitiert von diesem Geschäft?

Anja Banzhaf: Besonders große Saatgut- und Agrarchemiekonzerne wie Bayer, Syngenta, KWS oder Monsanto, die sich in den vergangenen Jahrzehnten zu global agierenden Giganten herausgebildet haben und allesamt für ein industrielles Agrarsystem stehen. Diese Akteure sind – häufig in enger Zusammenarbeit mit Regierungen – maßgeblich daran beteiligt, die aufgezeigten Entwicklungen im Saatgutsektor zu verschärfen und auch in Regionen voranzutreiben, in denen Saatgut noch als bäuerliches Gut gehandhabt wird.

Was versprechen diese Konzerne den Bauern, was ist von diesen Versprechungen zu halten?

Anja Banzhaf: Sie locken mit hohen Erträgen, Krankheitsresistenzen und anderen Anbauvorteilen. Oft stimmen diese Versprechungen auch – aber eben nur unter Idealbedingungen. So kann für die versprochenen Erträge die Verwendung von Düngemitteln, Pestiziden oder Bewässerung notwendig sein. Viele Bauern verfügen jedoch nicht über solche Möglichkeiten, müssen sich für deren Anwendung hoch verschulden und geraten in immer größere Abhängigkeitsverhältnisse. Hinzu kommt, dass der industrielle Anbau die Böden auslaugt und so die Anbaubedingungen zunehmend schwieriger werden. Das heißt, dass die hohen Erträge meist nur für relativ kurze Zeiträume zu erwarten sind.

Brauchen Ökobauern andere Sorten als die industrialisierte Landwirtschaft?

Anja Banzhaf: Ja, in der Regel wird im ökologischen Anbau auf andere Sorteneigenschaften Wert gelegt als im industriellen Anbau. Beispielsweise benötigt die industrielle Landwirtschaft kurzstrohige Getreidesorten, die auch bei der dort üblichen, hohen mineralischen Stickstoffdüngung nicht in die Höhe schießen und umfallen. Im ökologischen Anbau hingegen werden langstrohige Sorten bevorzugt, die mehr Wurzelmasse ausbilden und sich daher bodeneigene Nährstoffe besser aneignen können.

In Ihrem Buch »Saatgut« schreiben Sie, das industrielle Agrarsystem stehe auf wackeligen Beinen. Warum?

Anja Banzhaf: Die zwei Beine, auf denen das industrielle Agrarsystem steht und ohne die es nicht aufrecht zu halten ist, sind eine übernutzte Umwelt und ausgebeutete Menschen. Die industrielle Landwirtschaft nutzt 70 Prozent der landwirtschaftlichen Ressourcen, produziert jedoch nur 30 Prozent der weltweit verfügbaren Lebensmittel. Gleichzeitig erleiden in diesem System jährlich etwa drei bis fünf Millionen Bauern Pestizidvergiftungen. Abertausende werden ihres Landes beraubt und müssen ein neues Dasein in den Slums der Städte gründen. Da diese beiden »Beine«, also Menschen und Umwelt, diese Belastungen vermutlich nicht mehr sehr lange aushalten werden, steht das industrielle Agrarsystem sehr wackelig – und die agrarökologischen Alternativen müssen dringend ausgebaut werden.

Können es die Kleinbauern besser?

Anja Banzhaf: Natürlich nicht alle, das sollte nicht generalisiert werden. Aber schlaue, agrarökologische, kleinbäuerliche Systeme haben der industriellen Landwirtschaft viel entgegenzusetzen. Und dort, wo Kleinbauern genügend Bildung, soziale Sicherheit, Land, Wasser und Handwerkszeug haben, produzieren sie einen höheren Nährwert pro Fläche als die industrielle Landwirtschaft – und das bei geringerem Energieeinsatz und niedrigeren Umweltschäden.

Wo gibt es heute noch Systeme, in denen Saatgut als Gemeingut verschenkt und getauscht wird?

Anja Banzhaf: In vielen kleinbäuerlichen Gemeinschaften, etwa in Afrika, Lateinamerika, Süd- und Osteuropa, gilt Saatgut als Gemeingut, welches von vielen Menschen gemeinsam gehütet und gepflegt und untereinander frei weitergegeben wird. Aber ich kenne auch Beispiele aus ländlichen Regionen in Deutschland, in denen insbesondere ältere Menschen Saatgut noch als Gemeingut begreifen.

Sie haben Saatgut-Initiativen in vielen Ländern besucht. Welche haben Sie besonders beeindruckt?

Anja Banzhaf: Nicht alle Initiativen, die ich in meinem Buch beschreibe, habe ich vor Ort besucht. Von denen, die ich persönlich kenne, hat mich die Initiative »Peliti« aus Griechenland mit am meisten inspiriert. Peliti organisiert einmal im Jahr ein riesiges Saatgutfest, zu dem Peliti-Bauern ihr Saatgut mitbringen und es an tausende Besucher verschenken. Ich war bei einem solchen Fest dabei und die Stimmung, die Großzügigkeit und Selbstverständlichkeit des Verschenkens haben mich tief beeindruckt.

Kann man auch im eigenen Garten Saatgut gewinnen und tauschen?

Anja Banzhaf: Wir können alle im Hausgarten, auf dem Balkon oder im Gemeinschaftsgarten Saatgut produzieren und es untereinander weitergeben. Das Samengärtnern funktioniert ein wenig anders als das Gemüsegärtnern, ist aber kein Hexenwerk und kann in den meisten Fällen sehr einfach erlernt werden.

Peter Dietrich

Foto: pexels.com / CC0
Entnommen aus unterwegs 20/2016