Wenn wir Menschen einander etwas geben, oder was Gutes tun möchten, geben wir Gott alle diese Gaben. Danach ist es Gott, der sicherstellt, dass diese Gaben gut verteilt werden.

Wenn wir Menschen einander etwas geben, oder was Gutes tun möchten, geben wir Gott alle diese Gaben. Danach ist es Gott, der sicherstellt, dass diese Gaben gut verteilt werden.

Integration

Integration als »Theologie des Teilens«

Seit weniger Flüchtlinge nach Europa kommen, gilt die mediale Aufmerksamkeit wieder anderen Themen. Doch die größte Aufgabe liegt noch vor uns: Wie können Flüchtlinge, die hier bleiben, in die deutsche Gesellschaft integriert werden?

Den ersten Schritt, sagt Åsa Nausner, können wir alle tun. Dabei spielen auch Kirchengemeinden eine wichtige Rolle.

Sagen Sie einfach »Hallo«, schauen Sie die Menschen in der Umgebung an, auch die neuen Nachbarn, auch die, die anders wirken. Schauen Sie ihnen in die Augen, sagen Sie »Guten Tag« oder »Grüß Gott«. Das ist ein sehr wichtiger Anfang menschlicher Wahrnehmung und Anerkennung. Durch eine Begrüßung können Menschen einander in Offenheit einladen und einbeziehen in neue Zusammenhänge, neue Gruppen. Das ist Integration.

Wenn fremde Menschen einander auf der Straße, im Bus oder im Supermarkt wahrnehmen – auch wenn es nur kurz ist – dann prägt das die Stimmung in der Gesellschaft. Stellen Sie sich das Gegenteil vor: Sie werden einen Tag lang nicht wahrgenommen. Keine Begrüßung, keine Blickkontakte. Was für eine Welt! Ich bin Schwedin. Als ich nach Deutschland zog, haben mich Menschen in meiner Gemeinde begrüßt und mir damit geholfen, mich wohlzufühlen. Ich habe nur gebrochenes Deutsch gesprochen, aber die Gespräche haben mir Mut gemacht. »Ich werde es schaffen in Schwaben«, sagte ich mir. Ich war und bin immer noch dankbar für die ersten Menschen in Deutschland, die mir Zeit und Geduld geschenkt haben und in Gesprächen sogar mit mir gerechnet haben. Als EU-Bürgerin war die juristische Integration einfach für mich, und meine deutschen Nachbarn haben mir geholfen, mich in Deutschland zurechtzufinden.

Die lange Phase der Integration

Für viele Flüchtlinge, die die erste mühsame und oft gefährliche Phase des Ankommens hinter sich haben, fängt mit dem Asylantrag und dann hoffentlich mit der Anerkennung des Aufenthaltsstatus die lange Phase der Integration an. Neue Freunde, Schule und Arbeitsplatz suchen, Wohnung finden. Integration ist für sie ständiges Lernen, Überleben, eine Reise, um sich selbst neu zu erfinden im neuen Land, ohne sich selbst ganz zu verlieren. Was aber bedeutet Integration für die Einheimischen?

Grundsätzlich ist es für uns alle eine persönliche und politische Aufgabe, Menschen, die außerhalb stehen, einzubeziehen. Wie wir uns zu der kulturellen und religiösen Vielfalt unserer Zeit verhalten, hat mit unserem Menschenbild und unserer Vision für die Zukunft zu tun. Wer kann dazugehören? Können wir uns eine gute Zukunft in Vielfalt vorstellen? Wollen wir uns dafür einsetzen, auch wenn wir keine Garantien bekommen, dass es gelingt?

Langfristige soziale Integration in einer vielfältigen Gesellschaft kann nur gegenseitig gelingen, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Es ist aus meiner Sicht eine Aufgabe für die Einheimischen, die neu Hinzugekommenen als gleichberechtigt zu sehen und ihnen Platz und Raum zu geben, damit sie einbezogen werden können. Die Bestätigung »es ist gut, dass du hier bist«, tut gut. Jede Person, die irgendwo mal neu war, weiß wie wichtig einheimische Begleiter sind, die die neue Kultur erklären und helfen, Türen zu finden und manchmal auch Türen zu öffnen. Sich mit Integration zu beschäftigen heißt, bereit zu sein für Neues, für Veränderung, für die Erweiterung und Stärkung der Gemeinschaft. Das Ziel der Integration ist Inklusion, also das Einbeziehen unterschiedlichster Menschen. Unterschiedewerden dann normal, wenn Menschen nicht abgestempelt werden, weil sie anders sind.

Vielfalt als Herausforderung

Vielfalt ist eine spannende Herausforderung für Bürgerinnen und Bürger unserer Zeit. Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen wirken manchmal riskant. Wem wir trauen und vertrauen können, das muss sich erweisen. Wir Christen können uns dazu von Gott begeistern und berufen lassen. Gott hat ja die menschliche Vielfalt geschaffen und gesegnet.

Inklusion heißt nicht, alles für andere Menschen zu tun. Wir brauchen keine Inklusions-Supermänner und -frauen. Alle können mitmachen auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Fünf Punkte sind aus meiner Sicht entscheidend für ein gelungenes Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturen in Gemeinden: Üben, Reflektieren, Werte benennen, Raum schaffen und Veränderungen zulassen. Ich halte diese »interkulturelle Inklusion« für wichtig, um langfristig zu einem Ort der Vielfalt zu werden.

Wir müssen alle üben, wenn es um interkulturelle Inklusion in der Gemeinde geht. Es gibt keine Patentrezepte. Es beginnt damit, dass wir Kontakte aufbauen, behalten und entwickeln. An jedem Ort und mit jeder Gruppe von Menschen können wir Erfahrungen sammeln und uns überlegen, was wir lernen über andere und über uns, was gut funktioniert und was weniger gut scheint. Inklusion ist kein Selbstläufer. Sie braucht eine bewusste Haltung, wenn nicht sogar Richtlinien. Diese sind vor allem dann hilfreich, wenn es Konflikte gibt. In diesem Fall kann man auch Hilfe holen von anderen Gemeinden, von der Diakonie oder von interkulturellen Instituten.

Migrationserfahrungen teilen

Viele von uns sind vielleicht selbst Migranten oder haben einen Migrationshintergrund. Wir sollten unsere Erfahrungen in der Gemeinde teilen. Auch als innereuropäische Migranten haben wir Erfahrungen, die hilfreich sein können, um außereuropäische Flüchtlinge und Migranten in unsere Gemeinden zu integrieren.

Es ist hilfreich, wenn wir uns in der Gemeinde darüber verständigen, welche Werte uns wichtig sind. Viele sagen an erster Stelle: Respekt anderen gegenüber. Aber was meinen wir damit? Menschen, die lange mit Flüchtlingen gearbeitet haben, erzählen, dass es nicht so einfach ist, alle Menschen mit Respekt zu behandeln. Es gibt zum Beispiel Gesprächsthemen, die mehr verletzend sind als respektvoll. Dazu braucht es Feingefühl. So ist es wichtig zu überlegen, wie und wann wir persönliche Fragen an neue Nachbarn stellen. Sehr direkte Fragen zu Flucht oder Konflikten im Heimatland können Traumata wieder auslösen. Respektvolle Kommunikation soll kein Verhör sein, sondern ein Geben und Nehmen von Informationen voneinander.

Raum im Gottesdienst schaffen

Wie können wir unseren neuen Nachbarn Platz und Raum geben in der Gemeinde? Freuen wir uns, wenn im Gottesdienst der Bibeltext in verschiedenen Sprachen gelesen wird? Oder finden wir, dass das zu viel Zeit in Anspruch nimmt? Freuen wir uns, wenn beim Kirchenkaffee ein Tisch ein bisschen anders gedeckt wird als gewöhnlich, und probieren wir das unbekannte Gebäck in Dankbarkeit? Können wir uns eine dunkelhäutige Pastorin vorstellen? Wollen wir miteinander Gemeinde gestalten, Gaben untereinander entdecken, fördern und entwickeln? Teilhabe ist ein sehr wichtiger Baustein für eine gelungene Integration.

Ich habe von einer afrikanischen »Theologie des Teilens« gehört, die gut zur Inklusion passt. Es geht so: Wenn wir Menschen einander etwas geben oder etwas Gutes tun möchten, geben wir Gott alle diese Gaben. Danach ist es Gott, der sicherstellt, dass diese Gaben gut verteilt werden. Ich muss nicht meine Gaben der Zeit, des Zuhörens, des Raum Gebens kontrollieren. Gott wird es segnen auf seine Art und Weise. Bleiben wir dran am Ringen, wie aus »die Anderen und wir« ein vielfältiges »wir« werden kann.

Åsa Nausner
Sie ist ausgebildete interkulturelle Beraterin.
Sie arbeitet bei der Schwedischen Kirche in Örebro.

Foto: flickr.com / Iilas Bartolini / CC BY-NC-SA 2.0
Entnommen aus »unterwegs« 19/2016