Ein großes Bibelsortiment bot die Amerikanische Bibelgesellschaft im Jahreskatolog 1872 des Bremer Traktathauses

Ein großes Bibelsortiment bot die Amerikanische Bibelgesellschaft im Jahreskatolog 1872 des Bremer Traktathauses

Luthers Bibeln

Luthers Bibel und die methodistische Mission

Mit der methodistischen Mission kamen auch die Bibeln – genauer: Luther-Bibeln, gedruckt unter der misstrauischen Aufsicht der evangelischen Bibelgesellschaften. Vor allem der Vertrieb über Bibelkolporteure, die übers Land zogen, Bibelstunden hielten und auch seelsorgerlich tätig waren, war den Bibelgesellschaften ein Dorn im Auge. Karl Heinz Voigt hat diese Geschichte erforscht.

Vor einiger Zeit war ich zu einem Vorbereitungsgespräch für eine Ausstellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften im örtlichen Museum für Stadtgeschichte eingeladen. Jeder Vertreter einer Gemeinde war gebeten, ein oder mehrere Ausstellungsstücke mitzubringen. Was für »Devotionalien « können Methodisten einbringen? Sie haben keine »Krücken« von solchen, die gesund geworden sind. Und wenn das doch geschieht, ist das kein Grund es vorzuzeigen. Wir haben auch keinen Jahrhunderte alten historischen Kelch oder ein Barett aus dem 19. Jahrhundert. Was ist eigentlich in einer solchen Selbstdarstellung typisch?

Eine »methodistische Bibel«?

Ich hatte unter anderem eine im Bremer methodistischen Verlag gedruckte Bibel mitgebracht. Als ich an der Reihe war, mein Projekt vorzustellen, bat mich der Ausstellungsleiter, ihm doch einmal die Bibel herüberzureichen. Ich sah sofort, woran er interessiert war. Er wollte wissen: Was haben die Methodisten für eine Übersetzung? Vielleicht hatte er sogar die Frage im Hinterkopf: Kann man der Übersetzung trauen?

Das ist eine alte Frage, die sich aus Vorurteilen bis heute speist. Schon 1861 hat Ludwig S. Jacoby als Bremer »Agent der Amerikanischen Bibelgesellschaft« in Berlin einen Antrag gestellt, methodistischen Bibelverkäufern (»Kolporteuren«) die Genehmigung zum Vertrieb von Haus zu Haus zu erteilen. Dies war für die Landeskirchen eine Zumutung. Wegen ihrer ablehnenden Haltung schaltete Jacoby den amerikanischen Gesandten Joseph A. Wright ein.

Der Schriftwechsel mit dem preußischen Kultusminister August von Bethmann-Hollweg führte zur Anfrage beim preußischen landeskirchlichen Konsistorium. Ein Argument, besorgt zu sein, lautete: Wird auch wirklich die »volksthümliche Übersetzung Martin Luthers « verbreitet? Und im Blick auf den Text frage es sich, »ob er correcten Druckes« sei und »in keiner tendenziösen Absicht Veränderungen erlitten habe.« Das Misstrauen hatte sich in 150 Jahren nicht geändert. Die im methodistischen Verlagshaus gedruckten Bibeln waren alle mit folgender »Imprimatur« versehen: »Durchgesehene Ausgabe mit dem von der evangelischen Kirchenkonferenz genehmigten Text.«

Diese traditionellen Lutherbibeln befanden sich in den Händen und Häusern der methodistischen Bibelleser. Sie lagen auf den Kanzeln zur Textverlesung, allerdings nicht auf den damaligen Abendmahlstischen. Diese Sitte hat sich erst eingebürgert, als man beim Wiederaufbau nach dem Krieg nachahmend den neutestamentlichen »Tisch des Herrn« gegen den alttestamentlichen »Altar« eingetauscht hat.

Die Amerikanische Bibelgesellschaft und die Bremer Methodisten

Der Bremer methodistische Verlag, das damalige »Traktathaus« – heute würde man von einer modernen Medienzentrale sprechen, – war schon sehr früh eine »Niederlassung« der Amerikanischen Bibelgesellschaft, in Amerika offiziell als »Bremen Agency of the Methodist Episcopal Church« bezeichnet. Anfangs lieferte sie Bibeln und Neue Testamente aus Amerika. Der clevere Superintendent Jacoby schaffte es, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass die Produktion in Bremen billiger ist und Transportkosten erspart. Also bekam er jahrzehntelang entsprechende finanzielle Unterstützung.

Die beste Produktion nützt aber nichts, wenn der Vertrieb nicht aktiv ist. Also unterstützte die ABS, wie die »American Bible Society« im Kürzel genannt wurde, die Anstellung von »Kolporteuren«, die mit vollen Rucksäcken über Land zogen. In den Jahresversammlungen der Bibelgesellschaft legten sie Zeugnis von ihren Erfahrungen ab. Man kann Berichte darüber im Sonntagsblatt »Der Evangelist« lesen. Die reisenden Bibelverkäufer waren gleichzeitig Traktatverteiler. Auf manchen entlegenen Höfen hielten sie Bibelstunden, anderswo führten sie seelsorgerliche Gespräche, die mit einem Gebet endeten. Diese wackeren Missionare haben in der Geschichte der Kirche bisher leider keinen Platz gefunden.

Mission durch die Verbreitung der Bibel

An den Jährlichen Konferenzen wurde regelmäßig ein »Bericht über Bibelverbreitung« gegeben. In der ältesten Fassung der Verhandlungsberichte von 1865 heißt es: »Nächst der Gabe des Sohnes Gottes und der Mittheilung des heil. Geistes ist das Wort Gottes die herrlichste Wohlthat für uns Menschen auf Erden. Ohne diese besondere göttlich Offenbarung wären wir noch an einem dunkeln Orte, im Schatten des Todes und wüßten den Weg des Lebens nicht zu finden; aber nun braucht der Sünder nicht zu irren, wenn ihm Gottes Wort zugänglich ist.« Familien, Kirche und Staat sollten mit Gottes Wort durchdrungen werden.

Man spürt zwischen den Zeilen die Sorge um das Heil der Menschen und die Erneuerung der Gesellschaft. Das war der Geist, in dem die methodistische Bibelgesellschaft betrieben wurde. Von den 550.061 Bibeln, die 1886 in Deutschland vertrieben wurden, kamen nach einer öffentlichen Statistik 27.729 von der »Amerikanischen Bibelgesellschaft, Bremen«, das sind etwa fünf Prozent.

Die »Eindringlinge« ausschalten

Den deutschen Bibelgesellschaften waren die Bremer Aktivitäten ein Dorn im Auge. Sie wollten letztere gerne überflüssig machen, weil sie ihr beanspruchtes Monopol im Vertrieb störten. Aber wie sollte das geschehen? Damals mied man noch jeden Kontakt mit diesen Eindringlingen aus Amerika. Man sprach nicht mit ihnen. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde im Bericht des inzwischen in Frankfurt am Main ansässigen »Anker-Verlags« – dieser neue Firmenname löste die Bezeichnung »Traktathaus« ab – immer noch eine Statistik über die Bibelverkäufe in den Gemeinden geführt. Ich erinnere mich, dass der damalige Verlagsdirektor Dr. Wendt nicht sagen konnte, warum das so war. Heute könnte ich es ihm erklären: Es war gedacht für die Amerikanische Bibelgesellschaft.

War es eine gute Entscheidung, dem Vorbereiter der Ausstellung im Museum eine in Bremen gedruckte Bibel anzubieten? Ich glaube »ja«, denn sie war ein Zeugnis für eine durch und durch missionarische Kirche, die von Anfang an ein stattliches Mediengebäude im Zentrum von Bremen errichtet hatte. Sie druckte in der eigenen Druckerei auf speziellen Maschinen aus Leipzig und auf feinstem Bibeldruckpapier ganz unterschiedliche Ausgaben der Heiligen Schrift.

Aber nicht nur das. Es wurden Verteilschriften gedruckt: von Bunyans »Pilgerreise « bis zu Missions-Kinderbüchern, Gesangbücher für Erwachsene und die Sonntagsschulen und natürlich die wöchentlichen Zeitschriften. Das »Medienhaus « war ein Instrument der Mission. Der Druck von Bibeln stand an vorderster Stelle.

Karl Heinz Voigt

Foto: Volker Kiemle / Archiv Voigt
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 21/2016