Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

unterwegs erlebt

Mit den Trauernden weinen

In den vergangenen Wochen ist der Terror auch uns näher gekommen. Dabei geraten die vielen Gewaltopfer weltweit oft aus dem Blick. Bischöfin Rosemarie Wenner erinnert daran, dass nach der Bibel wahre Sicherheit ein Geschenk Gottes ist, die frei macht zur Versöhnung.

Die Nachricht von der Schießerei im Einkaufszentrum in München erreichte mich im Urlaub. Waren Terroristen am Werk? Würde noch viel Schrecklicheres passieren? Ständig schaute ich ins Internet. Es fiel mir schwer, die idyllische Umgebung in den österreichischen Alpen zu genießen.

Gott hat die Welt wunderbar geschaffen und Menschen tun Mitmenschen unsägliches Leid an. Was für ein Kontrast! Ich unterbrach meinen Vorsatz, im Urlaub keine dienstlichen Mails zu lesen. Die Nachrichten, wie Geschwister aus unserer Kirche in München die Stunden der Angst erlebten, zeugten von der Kraft, die sie aus dem Gottvertrauen schöpften. Es waren auch schon Mails von Methodisten aus den USA und aus England eingegangen. Die Solidarität tat gut.

Heute wissen wir mehr über die Hintergründe des Amoklaufs. Und es sind weitere schreckliche Gewalttaten geschehen. Dass selbst Kirchen keine sicheren Orte sind, beweist aufs Neue der Terroranschlag in der Normandie. Über den vielen Toten in Europa und in den USA vergessen wir oft die Orte in der Welt, wo der Terror so alltäglich ist, dass die Opfer nicht mehr gewürdigt werden. Es gibt weder Schweigeminuten bei internationalen Begegnungen noch Solidaritätsadressen von politischen oder religiösen Leitungspersönlichkeiten, wenn in Kabul oder in Bagdad Attentate geschehen.

Doch die verzweifelten Menschen, die im Irak, in Afghanistan oder in Syrien ihre Angehörigen betrauern, sind Gottes Herz so nah wie die Familien in München, Nizza oder Orlando. Gott weint mit den Trauernden. Gott empört sich darüber, dass Menschen sich zu Herren über Leben und Tod machen. Gott erbarmt sich der Opfer und Gott wird den Tätern gerecht. Dies glauben zu können, gibt mir Kraft.

Die Psalmen fassen meine Gebete, wenn mir die Worte fehlen. Und die Geschichten aus dem Markusevangelium, die gerade in der ökumenischen Bibellese dran sind, erinnern mich daran, dass Jesus da ist in dieser Welt, in der es stürmisch zugeht. Dass wir darüber hinaus gemeinsam für Menschen in der Nähe und in der Ferne um Gottes Erbarmen bitten, verbindet uns und nährt unser Vertrauen.

Die Kriegsrhetorik hinterfragen

Angesichts der Debatten um die öffentliche Sicherheit habe ich wieder einmal zu dem Papier gegriffen, das der Bischofsrat im Jahr 2004 unter dem Titel: »Auf der Suche nach Sicherheit« veröffentlichte. Der »Krieg gegen den Terror« war damals in vollem Gange. Diese Rhetorik ist bis heute zu hören. Gott sei Dank wird die Metapher aber auch von immer mehr Menschen hinterfragt.

Unter vielen guten Gedanken in dem Bischofswort, das maßgeblich aus der Feder von Bischof Walter Klaiber stammt, haben mich folgende Hinweise auf biblische Zusammenhänge besonders angesprochen: »Nach dem Zeugnis der Bibel ist wahre Sicherheit ein Geschenk Gottes. Diejenigen werden in Frieden und Sicherheit leben, die auf Gott vertrauen und sich ihren Nächsten gegenüber recht verhalten. Das macht sie verletzlich und mag Leiden verursachen. Aber die Gewissheit, dass sie niemand aus des Vaters Hand reißen kann (Johannes 10,29), macht sie frei, für Versöhnung und wahren Frieden zu arbeiten.«

Möge die Bibel in diesen unsicheren Zeiten unsere Kraftquelle bleiben, damit wir Gott vertrauen, Böses mit Gutem überwinden und geduldige Schritte als Friedensstifter gehen können.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamps / EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 16/2016

www.emk.de/suche-nach-sicherheit