Sarah Bach im Juli beim Studium-Abschluss an der THR

Sarah Bach im Juli beim Studium-Abschluss an der THR

Politik in den USA

Raushalten oder einmischen?

Sarah Bach studiert ein Jahr in den USA Theologie und erlebt die US-Präsidentenwahl mit. Die Schweizerin berichtet aus einem besonderen Blickwinkel.

»Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen eine kurze Frage stellen?« Die Frau, die ich gerade auf dem Weg zu ihrem Auto anhalte, bleibt stehen und lächelt mich freundlich an. »Klar«, antwortet sie und erwartet, dass ich ihr die Frage stelle, die an diesem Tag alle US-Amerikaner gestellt bekommen. Doch ihr Gesicht wechselt von überrascht zu verwirrt, als ich sie frage: »Welche moralischen Werte haben Ihre Wahl heute beeinflusst?«

»Wie gehören Gott und Politik zusammen?«

Es ist der 8. November, und in den USA stehen die Wahlen an. Zusammen mit meiner Ethik-Professorin bin ich unterwegs und stelle Wählern nach dem Verlassen des Wahllokals diese Frage. Es ist Teil des Ethik-Kurses, den ich im Rahmen meines Theologiestudiums an einer Universität in der Nähe von New York besuche. Wir beschäftigen uns mit der alten, aber immer wieder spannenden Frage: »Wie gehören Gott und Politik zusammen?« Dieser Kurs wird jeweils in Studiensemestern während Wahlen in den USA angeboten und beschäftigt sich mit dem Einfluss der Medien, von christlichen Werten und verschiedener christlicher Gemeinschaften auf die Wahlen hier in den Vereinigten Staaten. Zwei Monate lang haben wir zur Vorbereitung Bücher zum Thema gelesen, verschiedene Medien beobachtet und deren Berichterstattung untersucht sowie intensiv über unsere Standpunkte diskutiert. Jetzt war die Zeit gekommen, mit den Wählern das Gespräch zu suchen. In vier Gruppen machten wir uns zu verschiedenen Wahllokalen auf und stellten den Wählern immer die gleiche Frage: »Welche moralischen Werte haben Ihre Wahl heute beeinflusst?«

Bei gleichen Werten unterschiedliches Wahlverhalten

Die Antworten waren bunt durchmischt wie die Leute, die wir fragten. »Integrität«, »Ehrlichkeit«, »Gleichberechtigung«, »Wohlwollen«, »Freizügigkeit« und »Respekt« waren einige der Top-Antworten. Daneben gab es aber auch Aussagen wie: »Ich wählte das Bessere von zwei Übeln«, »Hauptsache, gegen diesen Kandidaten oder diese Kandidatin«, »Ich bin nicht für gewisse Werte, sondern gegen einige«, oder schlicht und einfach: »Es gab keine moralischen Werte, die meine Wahl beeinflussten«. Was sich in der Nacht zum 9. November beim Wahlresultat zeigte, war zeichnete sich schon bei unserer Umfrage ab: Die USA ist gespaltener, als wir bisher dachten. Die Werte »Integrität« und »Ehrlichkeit« waren als Antworten sowohl von bekennenden Clinton-Anhängern als auch von Trump-Wählern zu hören. Obwohl die Antworten also teilweise übereinstimmten, waren die Schlussfolgerungen aus diesen Werten für das Wahlverhalten sehr verschieden.

Der Weg ist noch nicht zu Ende

Am Abend des 9. November, keine 24 Stunden nach Bekanntgabe des Wahlausgangs, war unser Ethik-Kurs für den Universitäts-Gottesdienst verantwortlich. Wie und was predigt man an einem Tag, an dem so viele Hoffnungen enttäuscht wurden, wenn einigen zum Feiern und anderen zum Weinen zumute ist? Wir entschieden uns, drei Menschen erzählen zu lassen, wie sie sich an diesem Tag nach dem monatelangen Wahlkampf und der ereignisreichen Nacht fühlten. Die Zeugnisse sollten in erster Linie ehrlich sein. Denn wenn wir in der Kirche nicht mehr ehrlich sein können, wo dann? Dabei beließen wir es aber nicht. In einem Ritual salbten wir die Füße der Gottesdienstbesucher und segneten sie. Das war für uns ein Zeichen dafür, dass alle einen langen Weg zurückgelegt haben und wir alle erschöpft sind. Aber wir wollten damit auch ein Zeichen dafür setzen, dass unser Weg noch nicht zu Ende ist. Wir gehen gemeinsam weiter.

Welche Aufgabe hat die Kirche in Bezug auf die Politik?

So haben wir als Studierende hier versucht, mit diesen Tagen und Monaten etwas Sinnvolles anzufangen. Was hätten Sie getan? Was wünschen Sie sich von ihrer Kirche in Bezug auf Politik? Raushalten oder einmischen? Darüber schweigen oder darüber predigen? Was sagt Jesus eigentlich zu dem Ganzen? Ich selbst wünsche mir, dass wir uns diese Fragen vermehrt in unseren Kirchen, Hauskreisen und im persönlichen Gespräch stellen. Wer weiß, was daraus noch alles wachsen kann?

Die Autorin
Die Schweizerin Sarah Bach ist 24 Jahre alt und studiert Theologie mit dem Ziel Pfarrerin der EmK in der Schweiz zu werden. Im Sommer erwarb sie an der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR) den Bachelor-Grad. Zurzeit studiert sie für zwei Semester an der rund 40 Kilometer westlich von New York gelegenen Drew Universität in Madison im US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey.
Kontakt über oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Weiterführende Links
Homepage der Drew Universität (englisch) www.drew.edu

Foto: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit