Reaktion auf das Unerwartete – Tilmann Sticher mit Gedanken zu einem Vers aus Lukas 2,10

Reaktion auf das Unerwartete – Tilmann Sticher mit Gedanken zu einem Vers aus Lukas 2,10

Wort auf den Weg

Reaktion auf das Unerwartete

Tilmann Sticher mit Gedanken zu einem Vers aus Lukas: »Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!« (Lukas 2,10)

Die Geschichten rund um die Geburt Jesu sind vielen von uns vertraut – bis hin zum Wortlaut der Lutherübersetzung, die wir im Ohr haben. Zurecht warten wir darauf, sie wieder zu hören. Aber gerade diese vertrauten biblischen Geschichten erzählen viel Unerwartetes. Ich will ein paar Personen nennen, denen darin Unerwartetes widerfährt: Der alte Priester Zacharias bekommt gesagt, dass seine Frau Elisabeth, die die Wechseljahre längst hinter sich hat, ein Kind bekommt – so unerwartet, dass es ihm die Sprache verschlägt (Lukas 1,5–25).

Die junge Frau Maria bekommt überraschenden Besuch und erfährt, dass sie die Mutter des »Sohnes des Höchsten« sein wird – das konnte sie beim besten Willen nicht erwarten (Lukas 1,26–38).

Ihr Verlobter Josef ist auch nicht schlecht überrascht, als er von der Schwangerschaft seiner Verlobten erfährt – das will man gar nicht erwarten (Matthäus 1,18-–25).

Mitten in der Nacht werden Hirten auf dem Feld von Bethlehem durch Licht und Gesang erschreckt und sollen die ersten Gratulanten des neugeborenen Retters werden – als Menschen am Rand der Gesellschaft hatten sie das sicher nicht zu erwarten (Lukas 2,8–20).

Die Reaktion auf das Unerwartete fällt ganz unterschiedlich aus: Zacharias kann es nicht glauben, was ihm da gesagt wird und verstummt. Maria muss den Schock verarbeiten und besucht die ebenfalls schwangere Elisabeth. Josef überlegt im ersten Moment, Maria sitzen zu lassen. Die Hirten auf dem Feld beraten sich untereinander und beschließen nachzuprüfen, ob das denn stimmt, was ihnen gesagt wurde.

So unterschiedlich die Reaktionen auf das Unerwartete waren, so verbindet diese Personen etwas Entscheidendes: Das Unerwartete wird für sie zur Gottesbegegnung. Auf das erste Erschrecken folgt die Zusage der Engel: »Fürchtet euch nicht!« Und dann machen sie ihre eigenen Gotteserfahrungen: Nach neun Monaten Stummheit wird Johannes geboren und Zacharias antwortet mit einem Lobpreis. Nach dem Gespräch mit Elisabeth beginnt Maria zu ahnen, was in ihr vorgeht und auch sie beginnt Gott zu loben. Josef verlässt Maria nicht, sondern wird seine Familie beschützen. Die Hirten finden das Kind in der Krippe und gehen wieder fröhlich an ihre Arbeit.

Es gehört zum Wesen des Unerwarteten, dass es stört, den Alltag unterbricht, dass Dinge anders laufen als geplant. Darin liegt die Chance des Unerwarteten: dass wir neu nachdenken über das, was wichtig ist. Wenn Leben anders verläuft als geplant, liegt darin die Gelegenheit, Gott auf eine Art und Weise zu begegnen, die uns sonst verschlossen bliebe. Das schließt die Zweifel eines Zacharias mit ein. Auch Maria fragt den Engel zurück, was denn sein Gruß zu bedeuten habe. Manchmal will man auch davonlaufen, wie Josef es sich überlegt. Zu prüfen, ob das stimmt, was einem gesagt wird, wie die Hirten, passt auch. Andere reagieren vielleicht noch anders. Die Chance bleibt, Gott als dem Unerwarteten zu begegnen.

Für mich sind es ungewohnte Weihnachtslieder, die eine unerwartete Perspektive öffnen. Singen Sie doch einfach nach »Stille Nacht, heilige Nacht!« noch »Frau in kalter Nacht« (EM 132).

Fröhliche Weihnachten! Fürchtet euch nicht!

Fotos: pexels.com / CC0
Entnommen aus: »unterwegs« 26/2016