Holger Eschmann – Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen

Holger Eschmann – Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen

Reformation

Was mir Luther bedeutet

Martin Luther hat nicht nur als Reformator, sondern auch als Theologe Menschen in ganz unterschiedlicher Weise geprägt. Holger Eschmann, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen, beschreibt sein ganz eigenes Luther-Erlebnis.

Es war im Jahr 1983. Ich war damals Theologiestudent in Heidelberg. An der dortigen Universität gab es in jenem Jahr einige Festveranstaltungen zum 500. Geburtstag Martin Luthers. Es war kein Reformationsjubiläum wie im kommenden Jahr, sondern wirklich ein Lutherjubiläum. Luther hatte als junger Mann ein Jahr nach seinem Thesenanschlag mit seinem Auftreten in Heidelberg für Aufruhr gesorgt. Er hatte die sogenannte Heidelberger Disputation verfasst und mit seinen Lehrsätzen zur Kreuzestheologie einige wichtige Theologen für seine reformatorische Lehre gewinnen können.

Im Festsaal der Universität stellte man anlässlichder Fünfhundertjahresfeiern in einer Podiumsdiskussion die damalige Disputation Luthers mit den Gelehrten nach. Es wurde viel geredet in dieser Festveranstaltung. Es war warm, und ich schlummerte bei der dritten Rede so langsam ein. Kurz vor Schluss der Veranstaltung wachte ich plötzlich auf, gerade als ein Theologieprofessor die 28. und letzte theologische These der Heidelberger Disputation vortrug. Sie lautet: »Die Liebe Gottes findet das, was ihm liebenswert ist, nicht vor, sondern schafft es; die Liebe des Menschen entsteht an dem, was Gott liebenswert ist.«

Gottes Liebe in uns

Es ist dieser Gedanke, dass Gottes Liebe uns Menschen ohne Voraussetzungen gilt, dass wir nicht erst liebenswert, stark, gut und erfolgreich werden müssen, damitGott uns liebt, sondern dass wir geliebt sind und dadurch selbst lieben können, der mich damals gepackt und nicht mehr losgelassen hat. Er wurde wichtig für mein weiteres Leben und für meinen Weg in den pastoralen Dienst. Von außen gesehen war es ein Satz unter vielen an diesem Nachmittag. Und der Redner wusste sicher nicht, was er mit ihm bei mir Positives ausgelöst hat, aber der Blick auf die Welt und auf mein Leben hat sich an diesem Tag verändert.

Ich bin dann später bei der Beschäftigung mit Luthers Theologie und seiner Seelsorge diesem befreienden Gedanken der Rechtfertigung allein aus Gnade immer wieder begegnet. Besonders eindrücklich formuliert er ihn in seinen vielen Seelsorgebriefen, in denen er angefochtenen, depressiven und lebensmüden Menschen Trost zugesprochen hat. Diese Briefe können heute noch trösten, auch wenn Luther in einer ganz anderen Zeit gelebt hat. Sie zeugen von Lebens und Glaubenserfahrung, von Hoffnung und humorvoller Selbstdistanz.

So rät er zum Beispiel einem Freund, der nur noch verzweifelt auf seine Ängste starrt: »Sucht euch jemanden, mit dem ihr plaudern könnt. Der Einsamkeit entflieht auf jede Weise. Treibt Scherz und Spiel mit meinem Weibe und mit anderen. Dadurch vertreibt ihr die grüblerischen Gedanken und bekommt einen guten Mut.« Bei solchen Gelegenheiten riet Luther auch, dass man gut essen und trinken solle. Das sei so viel wert wie ein doppeltes Fasten.

Jesus Christus als Spiegel des Herzens

Aber natürlich bleibt Luther in seiner Seelsorge nicht beim Äußerlichen stehen. Er weiß, dass Ablenkung allein in der Seelennot nicht ausreicht. Vielmehr muss das Leben auf etwas Hoffnungsvolles und Verlässliches ausgerichtet werden. So rät er einer Bekannten, die an der Lebensführung Gottes irre zu werden drohte: »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, uns täglich vor Augen führen sollen. Er soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, in dem wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er für uns gesorgt hat. Unser lieber Herr Jesus Christus zeige euch seine Füße und Hände (mit den Wundmalen, die auf Kreuz und Versöhnung hinweisen, HE) und grüße euch freundlich im Herzen, damit ihr ihn allein anseht und hört, bis ihr fröhlich in ihm werdet.«

Natürlich habe ich mich auch mit den problematischen Seiten von Luthers Theologie und ihrer Wirkungsgeschichte beschäftigt. Aber die Art und Weise, wie Martin Luther die Rechtfertigung ohne Werke und allein aus Glauben pointiert und stets aufs Neue in seinem Lebenswerk formulierte, hat mir zu mehr Gelassenheit und Gottvertrauen in meinem Leben verholfen. Dafür bin ich ihm dankbar, denn nichts ist für unser Leben so folgenreich wie die Erfahrung voraussetzungsloser Liebe.

Prof. Dr. Holger Eschmann
Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlinge
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Foto: »unterwegs« 22/2016
Entnommen aus »unterwegs« 22/2016