Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Wie wir streiten lernen

Jährliche Konferenzen sind im Methodismus nicht nur ein Ort für Geschäftssitzungen. Vielmehr kann uns durch Gespräche, die wir in christlicher Gemeinschaft führen, Gottes Gnade zufließen. Das sollten wir einüben, meint Bischöfin Rosemarie Wenner – und damit auch für die Gesellschaft Räume schaffen, in denen wir aufbauend reden und konstruktiv streiten lernen.

Vier Konferenzen liegen hinter mir. Drei fanden in verschiedenen Ecken Deutschlands statt. Die Generalkonferenz tagte im Nordwesten der USA. So unterschiedlich die Orte und die äußeren Gegebenheiten waren, so kamen wir doch bei allen Konferenzen an das verbindende Thema: Wie leben wir den Auftrag der Kirche, Menschen zu Jüngern und Jüngerinnen Jesu Christi zu machen, in einer sich ständig ändernden Welt?

Ob es gute Konferenzen waren, wird sich vor allem daran entscheiden, wie die Impulse aufgenommen und umgesetzt werden. Bei der Generalkonferenz wurde oft von »Christian Conferencing« gesprochen. Dieser Begriff, der auf John Wesley zurückgeht, lässt sich schwer übersetzen. Das Wortungetüm »Christliches Konferenzieren« müssen wir nicht in unser Vokabular aufnehmen. Die Gesprächskultur, die damit gemeint ist, sollten wir allerdings einüben. John Wesley erwartete, dass uns durch Gespräche, die wir in christlicher Gemeinschaft führen, Gottes Gnade zufließen kann. Er formulierte folgende Leitfragen: »Sind wir davon überzeugt, wie wichtig und wie schwierig es ist, dass wir unser Gespräch richtig aufbauen? Ist es von Gnade erfüllt? Ist es mit Salz gewürzt? Begegnen wir uns, um unseren Zuhörern Gnade entgegenzubringen? Sprechen wir nicht zu lange zu einem gegebenen Thema? Ist eine Stunde nicht in der Regel lang genug? Wäre es nicht gut, unsere Unterhaltung vorzubereiten? Und vorher und nachher zu beten?«

Die Tagungen sind beendet. Die Gesprächsprozesse gehen weiter. In Norddeutschland sind Gremien dabei, die als Zukunftsfragen gekennzeichneten Anliegen zu bearbeiten. In Ostdeutschland beschäftigen sich Gemeinden mit der Frage, wie sie mit leichtem Gepäck zu den Menschen in ihrer Nachbarschaft aufbrechen können. Und in Süddeutschland nehmen sich die Bezirke die von den Superintendenten skizzierten Zukunftsbilder vor, um die Gemeindearbeit an ihnen auszurichten

Kirche als Lernort für die Gesellschaft

Die Frage, wie Einheit in Vielfalt gelingen kann, beschäftigt uns nicht nur auf Weltebene. In der großen Politik und in unserem Alltag erleben wir derzeit viele Situationen, in denen Worte Konflikte anheizen. Wir brauchen dringend Räume, in denen wir aufbauend reden und konstruktiv streiten lernen. Dazu gehört, dass wir unsere Gefühle und sich widersprechende Interessen benennen und nach guten Kompromissen suchen. Wenn wir dies in der Kirche lernen, kommt es auch unserer Umgebung zugute.

Achten wir deshalb auf die Art, wie wir zuhören und auf die Worte, die wir sagen. Geben wir Gottes Gnade Raum und widerstehen wir dem allzu menschlichen Bestreben, auf der eigenen Sichtweise zu beharren. Üben wir uns in Geduld, obwohl wir uns nach schnellen Lösungen sehnen. Viele Fragen lassen sich nicht in einer Stunde beantworten. Wir werden sie immer wieder betend bewegen, Lösungsansätze testen und Spuren weiter verfolgen, die einen Weg in die Weite erahnen lassen. Die nächsten Konferenztagungen sind noch eine Weile hin. Gespräche, in denen wir Gottes Gnade erfahren, finden hoffentlich bis dahin an den unterschiedlichsten Orten statt. Hauskreise, Kleingruppen, Sitzungen, aber auch Unterhaltungen beim Kirchenkaffee sind Gelegenheiten, einander Anteil zu geben an Lebensfragen und Glaubenserfahrungen und für- und miteinander zu beten.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamp, © Referat für Öffentlichkeitsarbeit der EmK