Bischof Harald Rückert

Bischof Harald Rückert

Bischof Harald Rückert

Beten, Reden und Ringen vor Gott wird uns verändern

Als Kirche können wir Vielfalt leben – trotz unserer Grenzen, sagt Bischof Harald Rückert. Wie aber finden und schützen wir die Einheit?

In meiner letzten Kolumne habe ich eingeladen, die Vielfalt unter uns willkommen zu heißen und »zu umarmen«. Mich haben einige Reaktionen erreicht mit Fragen wie zum Beispiel: Ist das nicht eine Überforderung für uns? Wird damit nicht der Beliebigkeit das Wort geredet? Müssen wir nicht viel mehr über Grenzen sprechen? – Ich kann viele der dahinterliegenden Gedanken und Sorgen verstehen. Nicht jede einzelne Gemeinde kann die ganze Vielfalt abbilden. Aber als Kirche können wir das. Nicht jede oder jeder Einzelne, muss die ganze Vielfalt in sich vereinen. Das wäre tatsächlich eine hoffnungslose Überforderung. Doch jeder und jede kann wahrnehmen, dass es neben ihm oder ihr andere Ausdrucksformen desselben Glaubens gibt in unserer Kirche. Jede und jeder kann versuchen zu verstehen, was den Anderen bewegt. Wo wir einander glauben, dass wir es mit unserem Glauben und unserer Nachfolge ernstnehmen, kann es gelingen, die Vielfalt als Bereicherung und Ergänzung zu begreifen. So kann Freude darüber entstehen, dass es Vielfalt in unserer Kirche gibt.

Was verbindet uns über unsere Grenzen hinweg?

Damit uns die Vielfalt nicht zertrennt, gilt es, das zu suchen und festzuhalten, was uns als Kirche im Kern verbindet. Hierher gehört für mich unser gemeinsamer Auftrag. Als Evangelisch-methodistische Kirche sind wir berufen, »Menschen in die Nachfolge von Jesus Christus zu rufen, sie zu einem Leben mit Christus einzuladen und ihnen dabei zu helfen, darin zu wachsen. So werden wir im Großen – aber wohl viel öfter im Kleinen – auch unsere Welt verändern«. So die freie Wiedergabe dessen, was in Artikel 120 unserer Verfassung, Lehre und Ordnung steht. Von hier aus gilt es auf die Vielfalt zu blicken. Dieser Auftrag eint uns und hat das Potenzial, uns in unserer Vielfalt beieinanderzuhalten. Er ist es allerdings auch, der uns manchmal dazu herausfordert, die Vielfalt noch herzlicher zu umarmen!

Einheit ist nicht zu verwechseln mit Gleichförmigkeit. Einheit bedeutet nicht: gleiche Meinungen und Sichtweisen zu Einzelthemen oder ethischen Fragen. Einheit ist mehr als Freundlichkeit und Nettigkeit. Einheit weiß um Grenzen und benennt sie. Sie sucht jedoch nach dem, was über diese Grenzen hinweg verbindet. Gemeinsam Kirche sein bedeutet, sich auf einen Weg zu begeben, zu dem immer wieder das Beten, Reden und Ringen gehört – miteinander in Gottes Gegenwart. Das Beten, Reden und Ringen vor Gott wird uns verändern, als Einzelne, aber auch als ganze Kirche. Es wird uns helfen, in Vielfalt eins zu bleiben. Damit uns die Vielfalt nicht zertrennt, gilt es, immer wieder die Einheit unter uns zu suchen und sie festzuhalten. Oder noch genauer: Es gilt, sich von dem festhalten zu lassen, der uns eint: Jesus Christus.

Foto: Volker Kiemle / EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Entnommen aus: »unterwegs« 18/2017