Das Kind bringt den Frieden, nicht der Kaiser Augustus.

Das Kind bringt den Frieden, nicht der Kaiser Augustus.

Zeichen der Liebe

Die Krippe: Gottes Weg in die Niedrigkeit

Lukas beschreibt detailreich die Geburt Jesu im Stall. Was wissen wir über die Krippe? Diederich Lüken zeigt: Das Kind Gottes wird zum Gegenspieler des mächtigsten Mannes des römischen Reiches. Das Kind bringt den Frieden, nicht der Kaiser Augustus.

Seit Jahrhunderten wird das Krippenspiel der Kinder in den Weihnachtsgottesdiensten mit einer Krippe aus Holz versehen. Nach einer Legende musste der Baum, der das Holz zur Krippe geliefert hat, auch das Holz für das Kreuz hergeben, an dem Jesus schließlich starb. Diese schöne Geschichte hat nur einen Nachteil: Es hat wahrscheinlich nie eine Krippe aus Holz gegeben.

Das Kind im Futtertrog

Holz war zur Zeit der Geburt Jesu ein äußerst begehrter Baustoff. Der Holzhunger des römischen Weltreiches war enorm. Um dieses Riesenreich zu beherrschen, mussten die römischen Heere allgegenwärtig sein. Hölzerne Wagen brauchten sie dafür und vor allem hölzerne Schiffe, mit denen sie möglichst schnell jedes Ziel an den Küsten des Mittelmeeres erreichen konnten. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass Holz zum Bau von Viehställen und Futterkrippen verwendet wurde. Die Krippe, in die Jesus nach seiner Geburt niedergelegt wurde – wie es Lukas beschreibt – war entweder eine Erdmulde oder ein Steintrog. Das entspricht auch den Absichten des Evangelisten, der Jesus als Freund der Armen darstellt. Er kam in der Niedrigkeit eines Stalles zur Welt und ruhte auf hartem Boden von den Mühen der Geburt.

Die Geburt im Stall

In den Krippenspielen ist es ein beliebtes Motiv, die armen Eltern orientierungslos durch Bethlehem irren zu lassen, ausgeschimpft von entnervten Herbergsbesitzern. Maria und Josef werden dabei gern als Pack beschimpft. Dabei wird jedoch übersehen, dass die beiden in ihre Geburtsstadt kommen. Und dort gibt es Verwandte. Die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft hätte eine solche Behandlung des jungen Paares, die Frau auch noch hochschwanger, gar nicht zugelassen. Dazu muss man wissen, dass ein Stall zu dieser Zeit kein so abseitiger Ort war wie bei uns heute. Man lebte in der Antike mit den Tieren auf engem Raum zusammen. Hinzu kommt, dass die Wirtshäuser zu jener Zeit in der Regel üble Spelunken waren, unsicher und dreckig, von plündernden Räuberbanden bedroht. Niemand hätte einen Verwandten dorthin geschickt. Wie Lukas die Szene beschreibt, ist eher davon auszugehen, dass die Verwandten des Paares wirklich keinen Platz mehr hatten, weil ein anderer Vetter vorher mit seiner Familie angekommen war. Und so boten sie dem Paar den Aufenthalt in dem sonst leeren Stall an und diese nahmen es erleichtert an. So beschreibt Lukas, wie Maria ein Kind im Stall zur Welt bringt und das Neugeborene in die Futterrinne legt.

Volkszählung als Machtinstrument

Hören wir heute den ersten Vers der Weihnachtsgeschichte, wird uns in der Regel behaglich zumute: »Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde« (Lukas 2,1). Tatsächlich war eine Volkszählung für die betroffene Bevölkerung jedoch ein Schrecken. Die Volkszählungen im römischen Reich hatten vor allem zwei Ziele: das Anziehen der Steuerschraube bis weit über jede Schmerzgrenze hinaus und die Aushebung von Rekruten für das römische Heer. Einstmals hatte König David eine Volkszählung veranlasst, die dann eine göttliche Strafe nach sich zog. Für die Juden waren Volkszählungen deshalb eine widergöttliche Schande, der sie sich nur zähneknirschend beugten. Für sie war klar: Der Kaiser Augustus verstand sich als Gott und er zwang seine Untergebenen zum Götzendienst. In der Krippe in Betlehem lag also ein Kind, das inmitten einer schrecklichen Wirklichkeit zur Welt gekommen war. Der Kaiser in Rom beherrschte die damalige Welt. Aber dieses hilflose neugeborene Kind ruft ganze Engelscharen auf den Plan, die diese Geburt in höchsten Tönen feiern. Der Leser verstand durch die Weihnachtsgeschichte: In dem Erdloch liegt der Herrscher der Welt, während sich der Kaiser ahnungslos auf seinem Thron räkelt. Hier, im Stall von Bethlehem, wird über den Frieden der Seele und der Welt entschieden – nicht in den römischen Kastellen an den Grenzen des römischen Reiches. An der Krippe finden sich die Menschen ein, die Gottes Wohlgefallen besitzen – und nicht in den religiösen Prachtbauten der Residenzen. Hier, in der Krippe, ist Gott – und nicht im Machtzentrum Rom.

Hirten hören die Botschaft zuerst

Die Botschaft der Engel ergeht nicht an die Königshöfe jener Zeit, sondern an die Hirten. Sie sind Menschen am Rande der Gesellschaft. Man verdächtigte sie des Öfteren des Viehdiebstahls, besonders, wenn sie Schafe an Raubtiere verloren hatten. Wer will das auch so genau prüfen, von wem ein Tier gerissen wurde, wenn man seine unverdaulichen Überreste findet? Und wenn in den Häusern und Hütten etwas fehlte, waren die Hirten auch wieder unter Verdacht. Denn sie waren arm und hatten den Ruf, es ja mit fremdem Eigentum nicht so genau zu nehmen. Es gibt nichts, was die Hirten zu Empfängern der göttlichen Botschaft qualifiziert hätte. Doch im Preislied der Maria heißt es: »Er – nämlich Gott – stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen« (Lukas 1,52). Die Erhebung der Niedrigen aber geschieht, indem diese sich niederbeugen vor dem Kind. So handelt Gott am Rande der Krippe.

Zeichen der Liebe Gottes für die Armen

Die Weihnachtskrippe zeigt uns, dass Gott es ernst meint mit dieser Welt. Die Krippe ist weit mehr als ein romantisches Detail in der Weihnachtsgeschichte. Lukas erzählt sie als Zeichen der Liebe Gottes zu den Armen und Entrechteten; und dass Gott steht gegen die Unterdrücker, gegen die Geschäftemacher, gegen eine unmenschliche Herrschaft. Die Krippe ist eine Station auf dem Weg Gottes in die Niedrigkeit des Menschen. So weist sie, auch wenn sie nicht aus Holz ist, auf das Kreuz, an dem der Erlöser die Niedrigkeit des Todes erfährt. Gott geht diesen Weg, um uns aus unserer Niedrigkeit zu erheben. Wir werden ermächtigt, den Weg über Krippe und Kreuz zur Auferstehung Jesu Christi im Glauben mitzugehen und erfahren dabei: Wer an der Krippe seine Knie beugt, wird im Reich Gottes aufgerichtet werden.

Der Autor
Diederich Lüken ist Pastor im Ruhestand und lebt in Balingen.

Foto: esodroff, pixabay.de
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 26/2017