Frank Eibisch mit Gedanken zu einem Wort aus dem Psalm 23,1+2

Frank Eibisch mit Gedanken zu einem Wort aus dem Psalm 23,1+2

Wort auf den Weg

Es geht nicht alles glatt. Trotzdem kann ich mich Gott anvertrauen.

Eine Seelsorgerin in einem Altenpflegeheim erzählte mir von Andachten, die sie speziell für an Demenz erkrankte Menschen anbietet. Das Lesen des 23. Psalms ist dabei fester Bestandteil.

Einige der Besucherinnen und Besucher, so berichtete sie mir, sprächen diesen Text mit – darunter auch solche, denen Erinnerungs- und Orientierungsvermögen weithin abhanden gekommen sind. Er ist also, so gewinnt man den Eindruck, nicht nur auswendig gelernt, sondern verinnerlicht. Das zeugt von der Kraft seiner Sprache und des Bildes: Gott ist zugleich Hirte und Gastgeber. Wer so betet, der weiß sich mit dem Lebensnotwendigen versorgt: mit Orientierung, mit Zuwendung, mit Lebenssinn. Er weiß sich gut geführt und eingeladen zu einem erfüllten Leben.

Nicht nur grüne Auen

Bei näherem Hinsehen kann man entdecken, dass das Leben des Dichters und ersten Beters dieses alten Liedes keineswegs nur eitel Freude und Sonnenschein kennt. Vom »dunklen Tal« ist da die Rede – von der »Todesschattenschlucht « wie Martin Buber unübertroffen übersetzte. »Feinde« treten auf, in deren Gegenwart Gott einen Tisch für den Beter deckt. »Feinde« in den Psalmen versuchen die Zuwendung Gottes zu den Menschen in Frage zu stellen. Damit wollen sie das Vertrauen in seine Treue und Liebe erschüttern.

Den Psalm anfragen

Deshalb ist mir in der Auseinandersetzung mit dem Psalm 23 das Gedicht »Hinterfragt« von Jürgen Rennert seit vielen Jahren ein treuer und herausfordernder Begleiter, gerade weil er die drohende Routine und Selbstverständlichkeit im Umgang damit stört. Der Autor fragt nach jeder Zeile des Psalms zurück und stellt alle Aussagen infrage:

Der ersten Aussage »Der Herr ist mein Hirte «, die bei uns eher Wohlbehagen auslöst, setzt Jürgen Rennert ein »ich Schaf« entgegen. Den Zuspruch »mir wird nichts mangeln« konfrontiert er mit der Aussage »mir fehlt was«, die grüne Aue mit »ich sitze auf dem Trockenen«. Keine Aussage des Psalms bleibt unkommentiert: Bei der Erfahrung des Psalmisten, dass der Hirte ihn auf rechter Straße führt, fragt er zurück: »wo geht das hin«. Und den Tiefpunkt »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal« quittiert er lapidar mit dem Spruch »irgendwie muss es ja mal aufwärts gehen«.

Dieses Gedicht ist alles andere als bequem. Durch seine ständigen Einreden in den vertraut und lieb gewordenen, aus- und inwendig gelernten Text verstört es. Und doch bringt es gerade so zum Ausdruck, was es heißt, Gott als den guten Hirten zu erleben. Es bedeutet eben gerade nicht, dass alles glattgeht und die Probleme sich von selbst lösen. Es heißt vielmehr, dass ich mich Gott trotz aller Angst und allem Zweifel, aller Widrigkeiten und Anfechtungen, anvertrauen kann und entdecke: Dadurch – im Anvertrauen – finde ich bei ihm Wegweisung, Schutz und Erfüllung.

Foto: cc-vision/Atelier Arnold
Entnommen aus: »unterwegs« 9/2017