Eine kniffelige Aufgabe: Der Autor des Artikels versucht sich am dreidimensionalen »Reformations-Puzzle«.

Eine kniffelige Aufgabe: Der Autor des Artikels versucht sich am dreidimensionalen »Reformations-Puzzle«.

Weltausstellung Reformation

Luther, überall

In Wittenberg wird »500 Jahre Reformation« das ganze Jahr über gefeiert – unter anderem mit der »Weltausstellung Reformation«. Auch die EmK macht mit.

Die Lutherstadt Wittenberg hat sich herausgeputzt: Für Hunderte von Millionen haben die Kommune und das Land historische Gebäude saniert, rekonstruiert und historische Ensembles um neue Bauten ergänzt. Zum Reformationsjubiläum wurde auch der Hauptbahnhof neu gebaut und empfängt die Besucher nun mit einer großzügigen Anlage und guten Zugverbindungen nach Berlin und Leipzig. Unter einer gewaltigen abgespannten Dachmembran verlieren sich ein paar Menschen, davor hat ein Kaffee-Verkäufer seinen Wagen aufgestellt. Mit dem Geschäft ist er zufrieden – wobei es vor allem die Pendler sind, die Umsatz bringen. Es wäre noch Luft nach oben. Die Reformationsfeiern, das ist jetzt schon klar, locken längst nicht so viele Menschen.
Die Reformations-Weltausstellung, da sind sich die Medien einig, ist ein Flop. Und tatsächlich kommen viel weniger Besucher als erwartet. Während die dauerhaften touristischen Sehenswürdigkeiten langsam von Besuchergruppen geflutet werden, finden sich an diesem Morgen nur wenige Menschen zu den zahlreichen zusätzlichen Info-Ständen und Zelten, die in den ehemaligen Wallanlagen, etwas abseits am südlichen Stadtrand liegen, direkt an Eisenbahn und Lärmschutzwand gedrängt. Man kommt nicht zufällig hier vorbei – obwohl sich ein Besuch durchaus lohnt.

Europäischer Methodismus präsentiert sich in Wittenberg

So präsentieren sich im Bereich »Ökumene und Religion« zahlreiche Kirchen, Verbände und Religionsgemeinschaften. Darunter auch die »Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa« (GEKE), zu der auch der Europäische Rat Methodistischer Kirchen (European Methodist Council, EMC) gehört, in dem wiederum die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) Mitglied ist. Jeweils eine Woche stellen sich die Mitgliedskirchen der GEKE vor, die EmK ist jetzt im Juli an der Reihe. Das Team ist dabei so international wie der EMC: Aus Deutschland Ruhestandsbischöfin Rosemarie Wenner und EmK-Pressesprecher Klaus Ulrich Ruof, aus Großbritannien Anne Browse und aus Dänemark Charlotte und Jørgen Thaarup.

Verordnete Reformation in Dänemark und Schweden

Das Ehepaar Thaarup vertritt dabei gleich mehrere Kirchen: Charlotte Thaarup ist Superintendentin für den Süden der Unierten Kirche in Schweden, die vor einigen Jahren aus dem Zusammenschluss von Baptisten, Reformierten und Methodisten entstanden ist. Ihr Mann, Jørgen Thaarup, ist Pastor und Superintendent der EmK in Dänemark und damit «zuständig« für rund 3.000 Menschen in zehn Gemeinden. Zugleich vertritt er den EMC und auch noch – wenn auch inoffiziell – die lutherische Kirche Dänemarks.
Diesen Umstand verdankt er der Tatsache, dass die Reformation in Nordeuropa gravierende gesellschaftliche und politische Folgen hatte: Die schwedischen und dänischen Könige nutzten die Reformation, um sich die katholische Kirche samt ihren Besitztümern komplett einzuverleiben. Bis heute ist die Lutherische Kirche in Dänemark und Schweden eine Staatskirche – mit strengen Vorgaben für die beamteten Kleriker. Das dänische Parlament ist zugleich die Kirchensynode, es gibt niemand, der offiziell für die Kirche sprechen kann.
Weil fast 80 Prozent der Einwohner Lutheraner sind und Kirchensteuer bezahlen, geht es der Kirche finanziell gut – auch wenn kaum jemand den Gottesdienst besucht. »Es gibt keinen Grund, etwas zu verändern«, sagt der 60-jährige Thaarup ironisch. Dagegen würden »Freikirchler« noch immer argwöhnisch beäugt. Die aber arbeiten eng zusammen, auch mit den wenigen katholischen Christen im Land. Mehr noch: In der »Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa« (GEKE) wird Superintendent Thaarup ganz selbstverständlich als Ansprechpartner nicht nur für den EMC, sondern auch für die dänischen Lutheraner gesehen.

Anne Browse, Vizepräsidentin des Frauenwerks der Britischen Methodistischen Kirche (Methodist Women in Britain)
Anne Browse, Vizepräsidentin des Frauenwerks der Britischen Methodistischen Kirche (Methodist Women in Britain)
Charlotte und Jörgen Thaarup, Pastorenehepaar aus Kopenhagen
Charlotte und Jörgen Thaarup, Pastorenehepaar aus Kopenhagen

England: Reformationswissen, Fehlanzeige

Weniger bis gar nicht präsent ist die Reformation bei den Methodisten in Großbritannien. »Die wenigsten können etwas damit anfangen«, erzählt Anne Browse von der Britischen Methodistischen Kirche. Sie vertritt in Wittenberg ebenfalls den EMC, dazu das Frauenwerk ihrer Kirche, dessen Vizepräsidentin sie ist. Die 60-jährige pensionierte Lehrerin hat Deutsch studiert und weiß deswegen einiges über Luther und die Reformation. »Theologen wissen natürlich manches, und einige jüngere Menschen haben im Geschichtsunterricht etwas von Luther gehört«, sagt sie. Aber normale Gemeindeglieder könnten damit nichts anfangen. »Die Menschen leben im Moment, Geschichte spielt kaum eine Rolle.«
Die theologische Lehre insgesamt sei ihrer Erfahrung nach im Gemeindealltag wenig präsent, sagt Browse. Dafür setze etwa die kleine Landgemeinde, der sie angehört, auf Aktionen, mit denen die Glieder mit den Menschen in der direkten Umgebung ins Gespräch kommen. »Wir wollen für die Menschen da sein«, erklärt Browse.
Das motivierte sie auch, eine Woche in Wittenberg zu sein. Über eine Aktion – die Besucher konnten ein dreidimensionales Puzzle zusammenfügen – kamen Besucher und Standbetreuer ins Gespräch über das, was Reformation eigentlich bedeutet: Eine Störung des alltäglichen Trotts, Veränderung und Aufbruch.

Der Autor
Volker Kiemle ist leitender Redakteur der Zeitschriftenarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. Kontakt: redaktion(at)emk.de

Weiterführende Links
r2017.org/weltausstellung/

Zur Information

  • Die »Weltausstellung Reformation« ist in Wittenberg noch bis zum 10. September geöffnet. Dazu gehören der Luthergarten sowie Infostände von zahlreichen Kirchen, Verbänden und Einrichtungen, die sich und ihre Angebote präsentieren. Das Programm weist 82 Veranstaltungsorte in ganz Wittenberg aus – bereits bestehende, aber auch viele, die auf Zeit gebaut wurden. Auf der Open-Air-Bühne auf dem Marktplatz finden jeden Tag Veranstaltungen statt, auf der Schlosswiese gibt es Konzerte. Insgesamt sind über 2.000 Veranstaltungen in 16 Themenwochen geplant.
  • Die Lutherstadt Wittenberg ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Am Bahnhof verkehren stündlich ICE-Züge nach Berlin, Hamburg oder München. Von Berlin oder Leipzig aus ist man eine halbe Stunde unterwegs. Der Bahnhof selbst liegt nah an der Innenstadt. Noch näher liegt der Bahnhof »Lutherstadt Wittenberg Altstadt«, der allerding nur vom Regionalverkehr angefahren wird.
  • Für die An- und Abreise aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Weltausstellung Reformation eignet sich insbesondere das Luther-Ticket. Damit können in Kombination mit einem Thüringen-, Sachsen-, Sachsen-Anhalt- oder Regio120-Ticket die Nahverkehrszüge bereits vor 9 Uhr genutzt werden. Das Luther-Ticket ist für 5 Euro pro Person erhältlich. Eigene Kinder und Enkelkinder unter 15 Jahren reisen in Begleitung der Eltern und Großeltern kostenfrei. www.luther-ticket.de
  • Besucher, die mit dem PKW anreisen, können auf dem Parkplatz »Kuhlache« parken. Der Parkplatz ist für Inhaber eines Weltausstellungs-Tickets kostenfrei. An den Ortseingängen von Wittenberg ist der Parkplatz ausgeschildert. Ein Shuttlebus bringt die Besucher im 20-Minuten-Takt zu den verschiedenen Bereichen der Weltausstellung.