Unter dem Kreuz sind alle gleich - Teilnehmer der Tagung für internationale und Migrantengemeinden feiern Gottesdienst

Unter dem Kreuz sind alle gleich - Teilnehmer der Tagung für internationale und Migrantengemeinden feiern Gottesdienst

Internationale Gemeinden

Von Vielfalt und Einklang

Der Frage »Was uns verbindet und trotzdem noch trennt« stellten sich Verantwortliche von internationalen und Migrantengemeinden aus ganz Europa.

Ende Januar trafen sich über 60 Verantwortliche von internationalen und Migrantengemeinden methodistischer Kirchen aus ganz Europa zu ihrer jährlichen Tagung in Stuttgart. Die Fortbildung und Zurüstung stand in diesem Jahr unter dem Thema: »Was uns verbindet und trotzdem noch trennt«.

Gemeinsam unterwegs

Den thematischen Hauptvortrag der Tagung hielt Dr. Michael Nausner, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen. An Hand von Aussagen des kürzlich verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman demonstrierte Nausner an Gegensatzaussagen, wie wichtig es ist, Sprachgebrauch und Betrachtungsweisen zu überprüfen. Anstatt der Abschottung durch Mauern, müsste der Blick über den Horizont hinausgehen. Statt Absicherung zu betreiben, müssten vielmehr soziale Investitionen getätigt werden. Statt der Betonung nationalistischer Werte, müsste viel stärker ein kosmopolitisches Bewusstsein gefördert werden und der Hass könnte nur mit Begegnung und Gespräch überwunden werden. Natürlich gebe es immer unterschiedliche Sichtweisen, die schwer vereinbar seien, so Nausner. Deshalb ist er überzeugt, dass »Einheit in der Vielfalt ein viel stärkeres Zeugnis gegenüber der Welt ist, als Einheit in angepasster Gleichheit«. Die dafür nötige gegenseitige Liebe und Achtung hob Nausner mit dem Hinweis auf John Wesleys Predigt »Über den Eifer« hervor. Statt eifernder Argumentation für die Wahrheit der eigenen Sichtweise sei Methodisten der »Eifer für die Liebe« ans Herz gelegt. »Die christliche Gemeinschaft bildet sich daher nicht zuerst aus gemeinsamen Überzeugungen, sondern im gemeinsamen Unterwegssein«, schrieb Nausner den Tagungsteilnehmern in den Sinn.

Es geht nicht um »richtig« oder »falsch«

In einem weiteren Vortrag ging es um die Kompetenz des Gegenübers, die in interkulturellen Begegnungen viel stärker berücksichtigt werden müsse. »Du stellst Fragen, dein Gegenüber ist Experte«, beschreibt Dale Weatherspoon eine Haltung, die zum Schlüssel für gelingendes Miteinander werden könne. Der promovierte Theologe ist Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) der Kalifornien-Nevada-Konferenz in den USA und Mitglied der internationalen EmK-Kommission für Glaube und ethnische Vielfalt. Er gab in seinem Vortrag Anregungen, wie Begegnung und Kommunikation trotz unterschiedlichster kultureller Prägungen gelingen könne. Dafür sei eine respektvolle Kommunikation nötig, die erlernt werden könne. Neben einer Sprache, die andere achtet und nicht blamiert, gehöre vor allem auch aufmerksames Zuhören dazu, so der Fachmann und Trainer für interkulturelles Miteinander. »Man muss nicht diskutieren, was ›richtig‹ oder ›falsch‹ ist«, betonte Weatherspoon. Viel hilfreicher sei es, mit entsprechenden Fragen die Kompetenzen des Gegenübers zutage zu fördern.

Synchronisation als Modell für Leiterschaft

Der im ehemaligen Rhodesien (heute Simbabwe) geborene und in Südafrika aufgewachsene irischstämmige Präsident der Methodistischen Kirche von Irland, Bill Mullally, ließ die Teilnehmer an seinen persönlichen Erfahrungen der südafrikanischen Apartheid und der katholisch-evangelischen Auseinandersetzungen in Nordirland teilhaben. »Die Angst hält uns getrennt«, ist Mullally überzeugt. Die Angst vor dem Anderen, dem Unbekannten oder vor der Veränderung verhindere ein offenes Miteinander. Um der Angst zu begegnen, forderte Mullally die Teilnehmer auf in ihrer Leitungsverantwortung auf »Einklang« zu achten. Wie sich in der Musik zwei Körper gegenseitig in Schwingung versetzen, so könnten Menschen darauf sehen, dass die Gedanken und Gefühle anderer wahrgenommen und berücksichtigt werden. Wo das geschehe, entstehe eine Art »Synchronisation«, die zu einer Übereinstimmung führe. Das, so ist Mullally sicher, sei die Grundlage, auf der Offenheit und Gemeinschaft entstehen könnten. Erst dann würden neue Wege miteinander entwickelt und gestaltet.

Verbundenheit beugt Konflikten vor

»Es ist uns gelungen, den Teilnehmern eine theologische Grundlage zu vermitteln, auf der sie als Migranten oder mit und für Migranten eine gute und überlegte Gemeindearbeit machen können«, erklärt George Miller am Ende der Tagung. Der aus den USA entsandte EmK-Pastor koordiniert die Arbeit der internationalen und Migrantengemeinden in Deutschland. Er ist sich sicher, dass solche Tagungen Kräfte freisetzen, um die besonderen Herausforderungen internationaler Gemeinden anzupacken und Lösungen für ihre Probleme zu finden. Gerade der internationale Charakter und die weltweiten Verbindungen der EmK seien dafür sehr hilfreich, ergänzt Frank Aichele, der Missionssekretär der EmK-Weltmission in Deutschland. »Wir können es für uns erleben und praktizieren, dass Verbundenheit Konflikten vorbeugt und die weltweite Ungerechtigkeit mindern hilft«, fasst er die Auswirkungen der Tagung zusammen. Diese Möglichkeiten sollten aus Sicht des Missionssekretärs mutig genutzt werden. »Deshalb«, so Aichele weiter, »ist ein Rückzug auf die eigene kleine Gemeinde weder biblisch noch im Sinne unseres Kirchengründers John Wesley.«

Foto: Klaus Ulrich Ruof, EmK Öffentlichkeitsarbeit

Der Autor
Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.