Mitglieder der internationalen Kommission für Diakonie und gesellschaftspolitische Verantwortung hören beim Besuch der EmK-Gemeinde in Berlin-Marzahn aufmerksam zu.

Mitglieder der internationalen Kommission für Diakonie und gesellschaftspolitische Verantwortung hören beim Besuch der EmK-Gemeinde in Berlin-Marzahn aufmerksam zu.

EmK-Kommission tagt in Berlin

Die Kraft aufrichtigen Zuhörens

Wer Menschen in ihren Lebensverhältnissen kennenlernt, verändert seine Sichtweise. Das ist eine Auswirkung einer internationalen EmK-Tagung in Berlin

Vom 15. bis 19. März tagte die internationale Kommission für Diakonie und gesellschaftspolitische Verantwortung (General Board of Church and Society, GBCS) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Berlin. Einmal im Jahrviert sind die international besetzten Kommissionen der Generalkonferenz angehalten, außerhalb der Vereinigten Staaten zu tagen, um die Lebenswirklichkeit und die Situation der EmK in anderen Regionen der weltweit strukturierten Kirche wahrzunehmen. Für die Mitglieder der Kommission waren vor allem die Erfahrungen an der Gedenkstätte der Berliner Mauer an der Bernauer Straße im Herzen Berlins und die Begegnungen mit Flüchtlingen und Mitarbeitern in der Flüchtlingsarbeit besonders bewegend. Klaus Ulrich Ruof, der Referent für Öffentlichkeitsarbeit der EmK in Deutschland, begleitete die Gruppe und berichtet von den eindrücklichen Erfahrungen der Kommissionsmitglieder.

Christiane Schmidt hält inne. Ihr versagt die Stimme. Hunderte Male schon hat die Besucherführerin die Geschichte vom Fall der Berliner Mauer erzählt. Die Besuchergruppe aus den USA spürt ihr ab, dass die Ereignisse von damals sie auch heute noch tief bewegen. Die weißhaarige, engagiert erzählende Frau steht genau an der Stelle, wo sich der Altarraum der 1985 gesprengten Versöhnungskirche befand. Eindrücklich vermittelt sie, wie dieser Ort der Teilung und Zerstörung zu einem Mahnmal für Frieden und Versöhnung wurde.

Lebenszeichen in der Todeszone

Nach dem 2. Weltkrieg war das unter den vier alliierten Siegermächten aufgeteilte Berlin in besonderer Weise von der Teilung Nachkriegsdeutschlands betroffen. Mit dem Mauerbau im Jahr 1961 war die Grenze inmitten der Stadt schmerzhaft sichtbar und nahezu unüberwindbar geworden. Die im Ostteil Berlins gelegene Versöhnungskirche erlangte traurige Berühmtheit. Über 20 Jahre lang stand sie als unzugängliche Kirche inmitten der Sperranlagen und des Todesstreifens nur wenige Meter von der Mauer entfernt. »Die Kirche stand im Weg«, betonte die Besucherführerin und meinte das buchstäblich und im übertragenen Sinn. Den Machthabern im Osten Berlins und den sowjetischen Truppen verstellte die Kirche die freie Sicht auf das Schussfeld zur »Sicherung des Schutzwalls gegen den Imperialismus«. Auch das vielfotografierte Motiv einer zwar stummen, aber doch standfesten Kirche mit hochaufragendem Turm war den politisch Verantwortlichen ein Dorn im Auge. Nach langwierigen Verhandlungen und zugesagtem Schadensersatz für die Evangelische Kirche in der DDR war sie 1985 gesprengt worden. Niemand ahnte zu dem Zeitpunkt, dass gerade einmal vier Jahre später die Mauer fallen und die ehemalige Wunde mitten in der Stadt zu einem Mahnmal des Friedens und der Versöhnung werden würde. Gott hat Humor, könnte man meinen. Dass eine Kirche, die »Versöhnung« in ihrem Namen trägt, nach Kriegsende in der Todeszone einer Grenze steht und dem menschenverachtenden Terror eines Regimes weichen muss, war tragisch. Dass sie später als Versöhnungsmahnmal wiederersteht, könnte sich ein Romanautor oder Filmregisseur nicht besser ausdenken.

Zeichen für Zerstörung und Verbindung

Inzwischen hat Schmidt das Zittern ihrer Stimme wieder überwunden und lenkt die Blicke der gebannt lauschenden internationalen EmK-Besuchergruppe auf zwei Besonderheiten der nüchtern gestalteten Versöhnungskapelle. Die Mauern des Gebäudes waren mit Hilfe junger Freiwilliger aus vierzehn europäischen Ländern im Stampflehm-Verfahren errichtet worden. Junge Menschen aus ehemals verfeindeten europäischen Nationen erbauten miteinander ein Mahnmal der Versöhnung. In den Lehm wurden die durch die Sprengung zermalmten kleinteiligen Steinreste der ehemaligen Versöhnungskirche eingemischt. »Die Steine als Zeichen der Zerstörung und der Lehm als Zeichen der Verbindung mahnen zur Versöhnung und machen diesen Raum zu einem Ort des Friedens und der Vision«, beschreibt Schmidt sichtlich bewegt und dankbar die stumme Botschaft des lehmigen Mauerovals.

Gesichtsloser Jesus und kopflose Jünger

Wenige Schritte weiter weist die Zeitzeugin auf den fast unversehrt unter dem Schuttberg aufgefundenen Altaraufsatz hin, der in der Apsis der Kapelle seinen neuen Platz gefunden hat. »Jesus hat kein Gesicht mehr und auch einige der Jünger sind kopflos«, weist Schmidt auf die Figuren hin. Erst jetzt erkennen die Besucher die eigenartig beschädigten Teile dieses schönen Kunstwerks. »Da ist mir Jesus ganz nahe«, schließt Schmidt ihre eindrückliche Führung. Die nachdenklich gewordene Gruppe verlässt den Ort der Erinnerung. Beim Abendessen fragt ein US-amerikanisches Kommissionsmitglied sichtlich erschüttert: »Warum berührt uns dieser Ort der Versöhnung so stark, während wir andernorts Teilung forcieren, Trennung befürworten und Menschen vom Leben ausschließen?« Wenn Erlebnisse so nachwirken und fragend machen, dann hat sich die weite Reise der Kommission gelohnt. Wenn es gelingt, diese Erfahrungen anderen mitzuteilen, können Methodisten der Versöhnung ein Gesicht geben.

Herausforderungen einer Reise ins Ausland

Die Reise nach Berlin war von den Kommissionsmitgliedern mit Spannung erwartet worden. Einmal im Jahrviert eine Sitzung außerhalb der Vereinigten Staaten durchzuführen, helfe den Kommissionsmitgliedern, die EmK als weltweite Kirche besser zu verstehen. Davon ist die Generalsekretärin der Kommission, Susan Henry-Crowe überzeugt: »Wenn wir bereit sind, über den Tellerrand hinauszuschauen, können wir als Methodisten in der Welt etwas in Bewegung bringen.«

Was das Über-den-Tellerrand-Schauen bewirkt, erzählt Tamara Brown am Rande der Tagung. Von ihren »deutschen Freunden« habe die im US-Bundesstaat Texas in Houston lebende Psychologin gelernt, dass »viele der für die EmK so bedeutsamen Sozialen Grundsätze sich eigentlich auf staatliche Regelungen in den USA beziehen«. Deshalb müsse in anderen Ländern oft erst ausgearbeitet werden, worum es eigentlich gehe, bevor eine Aussage formuliert werden könne, die das auf den Kontext in dem anderen Land anwendet. »Wir sind doch keine US-Kirche, sondern eine weltweite Kirche«, betont Brown und formuliert ihre Erkenntnis: »Unser Reden und Tun muss dann auch die weltweite Realität unserer Kirche widerspiegeln.« Deshalb sei sie nun sehr gespannt, wie sich das in der Revision der Sozialen Grundsätze und im Vorschlag für die neue und reduzierte weltweite Kirchenordnung niederschlage. »Das brauchen wir dringend«, untermauert sie ihre Hoffnung.

Unterschiedliche Ansichten besser verstehen

Dass die weltweite Vernetzung für die EmK eine große Chance darstellt, bestätigt auch Randall Miller. Der Dozent für Christliche Ethik an der Pazifik-Hochschule für Religion im kalifornischen Oakland betont, dass dafür »aufrichtiges Zuhören« die Voraussetzung ist. »Auch wenn Sie mit jemandem nicht übereinstimmen, ist erst einmal wirkliches Zuhören angesagt, ohne währenddessen schon an die eigene Antwort zu denken.« Als Mitglied dieser Kommission sei es ihm ein großes Geschenk, »anderen Menschen zuzuhören und von ihnen zu lernen, was sie zu sagen haben«. Wer die unterschiedlichen Lebensverhältnisse erkenne, in denen Menschen leben, verändere seine Sicht auf die Dinge. »Dem aufrichtigen Zuhören wohnt eine Kraft inne, die die Menschen anspricht«, ist Randall zutiefst überzeugt.

»Was passiert, wenn wir Menschen die Menschlichkeit verweigern, war an der Berliner Mauer zu sehen«, beschreibt Bill Griffin seine Erfahrung an der ehemaligen Grenze in der Mitte Berlins. Der Geschichtslehrer an einer Highschool im US-Bundesstaat Georgia war schon häufiger in Europa. Ihm sei in Berlin erneut »bewusst geworden, dass wir unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Erfahrungen und verschiedene Hintergründe haben«. Er ist überzeugt: »Wenn wir uns gegenseitig unsere unterschiedlichen Geschichten erzählen, erkennen wir besser, warum wir unterschiedliche Sichtweisen haben.« Selbst wer das Gleiche sage, meine nicht unbedingt dasselbe, weshalb Griffin der Meinung ist, dass Menschen unbedingt durch andere Sichtweisen herausgefordert werden müssten. »Wir sind ja nicht in einem Echo-Raum, in dem wir immer wieder nur dem eigenen Reden wie einem Echo zuhören.«

»Danke, dass ihr uns hierher gebracht habt«

Bischöfin Sally Dyck war sehr dankbar für die von der Teilung Deutschlands und vom Mauerfall erzählten Geschichten. »Gegenseitiges Erzählen von Geschichten verändert uns«, ist die für die Region Chicago zuständige Bischöfin überzeugt. Besonders beeindruckend sei der Besuch der als Versöhnungskirche zerstörten und als Erinnerung wieder erstandenen Versöhnungskapelle gewesen. »Nicht die Mauer, nicht das Schießen, nicht die Teilung hatten Bestand – es war die Kirche, die überdauerte und wieder auferstand«, fasst sie ihre Empfindungen betont emotional zusammen. Erfahrungen vor Ort und Geschichten, die Menschen erzählen, seien durch nichts zu ersetzen, ist die Präsidentin der Kommission überzeugt. Sie erwartet, dass etliche der Kommissionsmitglieder von der Reise nach Berlin mit einer veränderten Sichtweise zurückkehren werden. Das werde hilfreich sein, um die weltweiten Herausforderungen um Frieden und Gerechtigkeit besser erkennen zu können und dafür angemessene Antworten zu finden, hofft die Bischöfin. Dass diese Hoffnung begründet ist, zeigt der nachdenkliche Kommentar eines sich überwältigt zeigenden Kommissionsmitglieds: »Ich bin von den Begegnungen und Eindrücken in Berlin tief berührt. Danke, dass ihr uns hierher gebracht habt.«

Fotos: Klaus Ulrich Ruof


Der Autor
Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.

Weiterführende Links
Eines der Themen, mit denen sich die in Berlin tagende internationale Kommission für Diakonie und gesellschaftspolitische Verantwortung befasst, ist die Neufassung der »Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche«. Zur Sitzung in Berlin lag der zur Diskussion freigegebene Entwurf noch nicht vor, ist aber seit 12. April zugänglich. 

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