»Es zeigt sich in eindrücklicher Klarheit, was im Herzen der Menschen ist«

»Es zeigt sich in eindrücklicher Klarheit, was im Herzen der Menschen ist«, beschreibt Altbischof Dr. Walter Klaiber eine der sichtbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Glaube in Corona-Zeiten

Wie stabil ist das Fundament?

Die Corona-Pandemie fordert alles heraus. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott in schwierigen Situationen mit uns ist, sagt Altbischof Walter Klaiber.

Sars-CoV-2 ist vielleicht nicht die gefährlichste Krankheit, die in letzter Zeit aufgetreten ist. Aber sie ist äußerst tückisch und zu ihrer Eindämmung sind weltweit Maßnahmen ergriffen worden, die in das öffentliche und private Leben in einer Weise eingreifen, wie wir das seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt haben. Noch ist der Ausgang der Krise unsicher, und die Folgen der Restriktionen für Einzelne und Gesellschaft sind nicht absehbar. Aber viele mögen von der Frage umgetrieben sein, was das für unseren Glauben bedeutet. Schnelle Antworten dazu sind problematisch. Ich habe bisher auch kaum Versuche eines öffentlichen Nachdenkens darüber mitbekommen. Auch ich ringe um eine Antwort und möchte deshalb meine Überlegungen dazu gerne mit anderen teilen.

Liebe und Egoismus

Das Erste, was mir auffällt: Es zeigt sich in eindrücklicher Klarheit, was im Herzen der Menschen ist. Und das ist Gutes und Schlechtes. Wir beobachten eine Welle der Hilfsbereitschaft. Gruppen von Schülern und Studierenden bieten Hilfe für Ältere an und organisieren das umsichtig. Andere erspüren, wo Notlagen entstehen könnten, und suchen kreativ nach Lösungen. Aber es gibt auch das Gegenteil: Leute tätigen unsinnige Hamsterkäufe und lassen Anderen nichts für den täglichen Bedarf oder klauen Klopapier, Seife und Desinfektionsmittel in Kliniken, wo es denen, die das nötig brauchen, fehlt. Was ist der Mensch? Fähig zur Liebe und bedroht durch schieren Egoismus.

Was jetzt gerade passiert, zeigt auch, wie verletzlich das System ist, auf dem unsere Gesellschaft beruht. Globale Vernetzung ist nicht nur Chance, sondern auch Gefahr. Vieles, dessen Funktionieren wir für selbstverständlich halten, ist nicht so selbstverständlich, wie wir meinten. Die Frage stellt sich: Worauf können wir uns verlassen und worauf unser Leben bauen?

Was bedeutet das für unseren Glauben?

Das führt zur entscheidenden Frage: Was bedeutet diese Situation für unseren Glauben, was sagt sie uns über Gott? Manche werden fragen: Warum lässt Gott es zu, dass sich solch ein gefährlicher Krankheitserreger ausbreitet? Andere werden das als Zeichen der Endzeit sehen, für die die Ausbreitung von Seuchen vorhergesagt ist. Aber es hat in der Geschichte der Menschheit schon viel gefährlichere Epidemien gegeben. Dennoch bleibt die Frage: Hat Gott diesen Virus erschaffen, um uns damit eine Lektion zu erteilen?

Ein Tübinger Pfarrer hat vor einiger Zeit im Blick auf solche Fragen einen Satz gesagt, der mich seither begleitet. Er sagte: »Ich glaube nicht, dass Gott meine Tochter hat sterben lassen, um mir eine Lektion zu erteilen. Aber ich habe durch diese Erfahrung sehr viel gelernt, was mir bis heute wichtig ist.« Dass tödliche Viren entstehen, gehört zu dem Ineinander von Leben und Tod, das Gott in seine Schöpfung gelegt hat. Weil wir wissen, dass Gott hinter all dem steht, können auch schwierige Erfahrungen für uns zur Botschaft und zur Aufgabe werden.

Jemand sagte gerade zu mir: »Ich muss immer wieder an den Turmbau zu Babel denken.« Die Türme einer boomenden Ökonomie scheinen in unserer Zeit in den Himmel zu wachsen – aber die Frage, wie stabil ihr Fundament ist, wird durch diese Ereignisse an Jeden und Jede von uns gestellt.

Um Glauben, Hoffnung und Liebe bitten

Worauf vertrauen wir? Darauf, dass die Börsenkurse immer kontinuierlich in die Höhe gehen oder darauf, dass unser Leben bei Gott geborgen ist? Die Treue Gottes und seine Liebe zeigt sich nach der Botschaft der Bibel eben nicht darin, dass immer alles glatt geht, sondern darin, dass wir auch in schwierigen Situationen darauf vertrauen dürfen, dass Gott mit uns ist und uns Kraft gibt, auch die Krise zu durchstehen.

Aber wo unsere Versuche, Antworten zu finden, scheitern, können wir beten und Gott bitten:

  • um Glauben und Vertrauen, dass er mit uns ist, wenn uns die Krankheit trifft oder vieles zerbricht, worauf wir uns bisher verlassen haben. In ihm sind wir geborgen, er wird Hilfe schenken.
  • um Hoffnung und Zuversicht, dass es Wege aus dieser Krise geben wird. Manches wird danach anders sein. Aber vielleicht liegt in der Krise auch die Chance für neue Wege des Miteinanders.
  • um Liebe, die unseren Egoismus überwindet, die unvermutet zwischen Menschen aufblüht, weil er sie schenkt, und die im Nehmen und Geben mein Leben und das Anderer erfüllt.

Bildnachweis: Vektor Kunst, pixabay
Dieser Artikel ist dem zweiwöchentlich erscheinenden Magazin »unterwegs«  der Evangelisch-methodistischen Kirche – Nummer 9/2020 vom 26. April 2020 – entnommen.


Der Autor
Dr. Walter Klaiber ist Bischof i. R. der Evangelisch-methodistischen Kirche. Er lebt im Ruhestand in Tübingen. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de