Sonntags in die Schule?
Mitte des 18. Jahrhunderts mussten viele Arbeiterkinder schon früh zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen. In den Bergwerken waren sie ihrer geringen Größe wegen in den niedrigen Stollen willkommene Arbeitskräfte. In den vielen Webereien der beginnenden Industrialisierung waren die Kinder dagegen wegen ihrer kleinen und geschickten Finger gebraucht. Viele der Kinder arbeiteten und schliefen sechs Tage die Woche in den Fabriken - an Schule und Ausbildung war nicht zu denken.
An die Not der Kinder hatten sich die Menschen gewöhnt - nicht so Hannah Ball. Sie wollte die Kinder wenigstens an deren freiem Tag, dem Sonntag, von der Straße holen und sie im Lesen und Schreiben unterrichten: So entstand ihre erste »Sonntagsschule«.
1733 geboren, war Hannah Ball eine zupackende Frau. Nachdem sie einige Predigten des irischen Methodistenpredigers Thomas Walsh gelesen und danach John Wesley bei einer Predigt in ihrem Dorf erlebt hatte, suchte und fand sie im Jahre 1765 ihren »Frieden mit Gott«. Wie viele Methodisten wollte sie ihren Glauben praktisch ausdrücken, und so besuchte sie viele Kranke, die keine medizinische Versorgung kannten, in deren armseligen Hütten. Ebenso kümmerte sie sich um die zahllosen inhaftierten Kriegsgefangen, die in den Gefängnissen der damaligen Zeit oft nur dahinvegetierten.
1770 fielen der unverheirateten Hannah Ball die vielen Kinder auf, um die sich niemand kümmerte. Sie fing an diese »wilde kleine Gesellschaft«, wie sie sie liebevoll bezeichnete, an jedem Sonntag und Montag in ihr Haus einzuladen. Aber nicht nur Liebe brachte sie diesen Kindern entgegen. Sie wollte ihnen auch Lesen und Schreiben beibringen. Mittels des damals häufig einzig verfügbaren Buches, der Bibel, führte sie diesen Plan aus. So erhielten diese Kinder zum ersten Mal Grundlagen einer Schulbildung und »nebenbei« wurden sie gleich noch im Glauben unterwiesen. Das war damals etwas völlig Neues. Im ganzen Land gab es kein bekanntes Vorbild für diese »Sonntags- und Montagsschule«.
Der Zeit voraus
Zehn Jahre später regte der Zeitungsverleger Roberts Raikes im großen Stile die Gründung von sogenannten »Sonntagsschulen« an. Er finanziert diese Arbeit und macht die Idee mit seinem »Gloucester Journal« im Land publik. Später wird er »Vater der Sonntagsschule« genannt. Die Geschichte der schon vor ihm tätigen »Mutter der Sonntagsschule«, Hannah Ball, wurde erst durch die 39 überlieferten Briefe widerentdeckt, die sie seinerzeit an John Wesley geschrieben hatte.
Sonntagsschule und Kindergottesdienst
In allen methodistischen Kirchen wird die Sonntagsschularbeit bis heute gepflegt und weiterentwickelt. Neben dem Namen »Sonntagsschule« werden inzwischen auch »Kindergottesdienst« oder andere Bezeichnungen für das sonntägliche Angebot für Kinder parallel zum Gottesdienst für die Erwachsenen verwendet.


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