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»unterwegs«
»unterwegs« 7/2009
»Die Menschen sind zusammengerückt«. Eine »Offene Kirche« hat die EmK-Gemeinde in Winnenden nach dem Amoklauf eingerichtet.
Jeden Tag stehen Lutz Althöfer und viele Ehrenamtliche für Gespräche zur Verfügung. »Wir wollen den Menschen helfen, mit den Erlebnissen umzugehen«, sagt der Pastor.
Lutz Althöfer ist Frühaufsteher. Zwischen vier und fünf Uhr ist der Pastor des Winnender EmKBezirks für gewöhnlich auf den Beinen um sich in Ruhe auf den Tag vorzubereiten. Derzeit aber wecken ihn viele Gedanken früher als sonst aus dem Schlaf. »Dann versuche ich zu überblicken, was heute zu tun ist«, sagt der 45-Jährige.
Zu tun gibt es viel: Althöfer gehört zu den Seelsorgern, die am 11. März in Winnenden im Einsatz waren und ist seither damit beschäftigt, Hilfen für die Betroffenen zu organisieren. Und er hat drei Kinder. Zwei besuchen das Gymnasium direkt neben der Albertville-Realschule besuchen, wo ein 17-Jähriger zwölf Menschen erschossen hat. Seine Kinder hat Lutz Althöfer sofort gesucht, nachdem er von dem Amoklauf gehört hat. Er hatte einen Gottesdienst in einem Altersheim gefeiert, zwei Kilometer von Winnenden entfernt. Nur mit seinem Seelsorger-Ausweis ist er überhaupt nach Winnenden hineingekommen die Stadt war abgeriegelt. »Niemand wusste, wo der Amokläufer ist«, sagt Althöfer.
Intensive Glaubenserfahrung
Trotzdem wagte er sich zu Fuß von seinem Büro hinüber zur Stadthalle, wohin die Schüler evakuiert worden waren. »Voller Angst und Tränen«, sei er den Weg gegangen, erzählt Althöfer. »Aber plötzlich wusste ich: der gute Hirte, von dem der 23. Psalm spricht, ist bei mir. Das war eine sehr intensive Glaubenserfahrung für mich.« Der Pastor kam heil in der Halle an und musste noch zweieinhalb Stunden warten, ehe er ein Lebenszeichen von seinen Kindern bekam. »Das war furchtbar«, sagt Althöfer. Als er die Kinder in Empfang genommen hatte, wechselte er aus der Seelsorger- in die Vaterrolle und ging mit ihnen nach Hause.
Aus den Vorbereitungen für den Trauergottesdienst am gleichen Abend klinkte er sich aus, doch seither arbeitet Althöfer mit Hochdruck daran, Hilfen bereitzustellen. Zunächst hat die EmK-Gemeinde ihre Kirche mitten in der Stadt geöffnet. Sechs Stunden am Tag sind Ansprechpartner vor Ort. Und die Menschen kommen. »Manche sitzen einfach da«, sagt Althöfer.
»Andere zünden eine Kerze an oder schreiben eine Notiz an die Gebetswand.« Es kommen auch viele Kinder, oft mit ihren Müttern. »Wir versuchen zu erspüren, was die Menschen brauchen.« Althöfers Hauptanliegen ist, »den Menschen zu helfen, mit den Erlebnissen umzugehen«. Deshalb hat er rasch Kontakt zu Bildungswerk-Leiter Dr. Lothar Elsner aufgenommen. Dadurch konnte die Gemeinde schon in der Woche nach dem Amoklauf einen Vortrag mit der Trauma-Expertin Barbara Hüfner-Kemper anbieten. Zielgruppe waren dabei nicht nur die Eltern, sondern auch die vielen Helfer. »Es laufen hier Tausende traumatisierte Menschen herum«, sagt der Seelsorger. »Denen müssen wir helfen.«
Weitere Vorträge und Seminare stehen schon fest. »Das Angebot wird auch von den anderen Kirchengemeinden angenommen«, sagt Althöfer. »So können wir auch einen Dienst für die anderen Kirchen im Ort leisten.« Das Zusammenstehen der Menschen ist für den Seelsorger eine positive Erfahrung seit dem 11. März. »Wir sind zusammengerückt und ich habe sehr viele hilfsbereite Menschen kennengelernt.« Normalität, sagt Althöfer, wird es in Winnenden so schnell nicht geben. Für ihn wäre es schon normal, wenn »nur noch ein Telefon klingelt«.

