Wort auf den Weg

Es geht um Gottes Schalom

»Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?« Lukas 24,32

Alle hundert Jahre trifft Jesus von Nazareth den Jesus der Christen in einem Garten zwischen den Hügeln des Libanon. Und sie diskutieren einen langen Tag und die ganze Nacht; und jedes Mal, wenn die Morgendämmerung anbricht, geht Jesus von Nazareth fort, indem er zum Jesus der Christen sagt: »Mein Freund, ob wir jemals übereinstimmen werden?«

Nicht auszuschließen, dass sie auch darüber gesprochen haben, wie die Jünger sichtbar werden, und dass Jesus von Nazareth den Jesus der Christen fragte: »Erinnerst du dich noch an die beiden, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs waren? Und kannst du mir sagen, wie aus einer Wegstrecke, die eigentlich nur zwei Stunden in Anspruch nimmt, hunderte von Jahren werden können, ohne dass sie ankommen?«

Ein Alptraum, den man meiden will

Sie hatten ja viel erlebt in jenen Tagen. Nach der Gefangennahme von Jesus die Kreuzigung – ein Alptraum. Dann das leere Grab und die Frauen, denen sie nicht geglaubt hatten. Und jetzt, wo alles vorbei zu sein scheint, brauchen sie Abstand, um erst einmal durchzuatmen. Vielleicht können sie die Orte, an denen sie so viel erlebt haben, nicht mehr ertragen. Sie reden, bekommen ihre Gefühle nicht in den Griff. Aus den zwei Stunden werden Jahrhunderte. Unterwegs schließen sich weitere Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Kulturen an. Auch sie sind von den Ereignissen um Jesus ergriffen, diskutieren, wie das alles wohl zu verstehen ist. Wann sind wir denn endlich da? Kann es sein, dass wir den Fremden übersehen haben, der immer wieder ein Stück mit uns geht und den wir nicht erkennen? Der nachfragt, um was es uns denn geht auf dem Weg nach Emmaus. Und der uns daran erinnert, dass es von Anfang an nicht um Papiere geht, sondern um Gottes Schalom, dass wir eins sind in dem, was die Propheten anmahnen und was im Leben und der Botschaft Jesu Gestalt gewonnen hat: dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit unser ganzes Trachten zu widmen.

Kann es sein, dass wir uns von der Macht demütigen lassen, indem wir uns in zu kleine Fragen verwickeln lassen? Und dass wir, so fehlgeleitet, noch nicht in Emmaus angekommen sind?

Gemeinsam auf dem Weg Christi

Aus unterschiedlichen Traditionen kommend sind wir gemeinsam auf dem Weg Christi. Und wenn wir uns anschauen, womit diese alte und immer junge Geschichte vom Weg nach Emmaus endet, dann ist ganz offensichtlich, wohin uns dieser Weg führt.

Am Abend sitzen wir zusammen mit dem Fremden an einem Tisch. Und wir, die wir gedacht haben, wir hätten ihn eingeladen, verwandeln uns plötzlich in Gäste. Er teilt sein Brot mit uns. Und wir erkennen ihn als den Auferstandenen. Es wird uns wie eine Offenbarung vorkommen, wenn wir nach all den Diskussionen erkennen, dass es am Ende ganz einfach sein wird: Christus lädt uns ein und teilt sein Brot und den Kelch mit uns. Es ist der Tag, an dem wir in Emmaus ankommen und uns die Augen aufgehen werden.

Reiner Kanzleiter

Pastor im Bezirk München-Friedenskirche.