Judentum

Vom Wert der Erinnerung

Das Erinnern ist ein fester Bestandteil unserer Kultur. Michael Putzke gibt uns einen Einblick in diese Kultur.

Im Judentum haben sich bis heute viele Rituale des Erinnerns erhalten – nicht von ungefähr kommt das Verb »erinnern« 169-mal im Alten Testament vor. 

Wir bleiben in der Laubhütte, stellen uns vor, auf dem Land zu sein. Wir strecken uns auf den Bänken aus, verfolgen die hereindringenden Lichtflecke, haschen nach ihnen und schauen mit erhobenem Kopf auf das Dach aus Tannenzweigen, als wäre es der Himmel. Wir zucken zusammen, wenn ein Tautropfen auf uns niederfällt.« So beschreibt Bella Chagall, wie sie als Kind das Laubhüttenfest erlebt hat. In jedem Herbst erinnern sich Juden an die Zeit der Wüstenwanderung. Dabei wird sorgfältig das Dach der Laubhütte hergerichtet: Es wird so aus Zweigen, Stroh, Schilfrohr und Laub gedeckt, dass man nachts durch das Dach die Sterne sehen kann. Wer in der Laubhütte sitzt, spürt nochmals, was es bedeutet, unbehaust und auf der Flucht zu sein. Mit dem Laubhüttenfest wird die Geschichte vom Exodus in die Gegenwart geholt.

Die Erfahrung, von Gott befreit zu werden

Das Verb »erinnern« (Hebräisch: zachar) kommt in seinen verschiedenen Formen nicht weniger als 169-mal im Alten Testament vor. Erinnern soll sich Israel oder Gott selbst. Denn »die Erinnerung obliegt beiden,« hält der Historiker Yosef Yerushalmi fest. Das Erinnern der Taten Gottes ist für den Glauben Israels, ja für seine ganze Existenz, von entscheidener Bedeutung, hebt Yerushalmi hervor. Die aufgezeichneten Erinnerungen sollen eine Erkenntnisquelle sein. Was Menschen mit Gott erlebt haben, wird erinnert und bestimmt, wie Leben jetzt gestaltet wird. Dabei ist die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten die Urerfahrung, auf die immer zurückgegriffen wird. So erinnert das Gebot, die Fremden im eigenen Land nicht zu unterdrücken, in seiner Begründung an die Knechtschaft in Ägypten: Der Fremde »soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland« (3.Mose 19,34).

Einmal im Jahr am Sabbat vor dem Purimfest wird der Abschnitt aus der Thora gelesen, der mit dem Wort »Zachor« (Deutsch: »Erinnere dich«) beginnt. »Denke daran, was dir die Amalekiter taten auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt: wie sie dich unterwegs angriffen … Das vergiss nicht!« (5. Mose 25,17–19) Der Überfall der Amalekiter auf das Volk Israel in der Wüste ist längst vorbei, aber die Erfahrung bleibt aktuell. In diese Worte tragen Juden ein, wie sie damit leben können, dass das jüdische Volk über Jahrhunderte hin verfolgt wurde. Jüdische Ausleger fordern als Konsequenz des Erinnerns, das eigene Leben zu schützen. Gleichzeitig kommt das Leid von anderen Menschen in den Blick. »Genauso haben wir aber auch das Leben unseres Nächsten zu schützen … Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie sinnlos damals und in der gesamten jüdischen Geschichte die Amalekiter der jeweiligen Zeit Menschenleben vernichteten.«

Warum sollen wir uns erinnern? Die Erinnerung hilft, die Gegenwart zu bestehen und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Richard von Weizsäcker hat in seiner vielbeachteten Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa am 8. Mai 1985 die Notwendigkeit, sich zu erinnern, so begründet: »Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.«

www.israel-information.net/glossar/Sachor.htm

Michael Putzke

Foto+Bildmontage: Albrecht Arnold