»Wo wir uns mit unterschiedlichen Meinungen und Erkenntnissen auseinandersetzen, kann Überzeugung in Demut das Gespräch erleichtern.«

»Wo wir uns mit unterschiedlichen Meinungen und Erkenntnissen auseinandersetzen, kann Überzeugung in Demut das Gespräch erleichtern.« Bischof Harald Rückert

Bischofswort

»Meine Überzeugung ist möglicherweise Stückwerk«

Bischof Rückert ist erschrocken über den Umgang mit Meinungen, die nicht der eigenen entsprechen. Im EmK-Magazin »unterwegs« empfiehlt er Alternativen.

Anlass für eine Kolumne von Bischof Harald Rückert im zweiwöchentlich erscheinenden Kirchenmagazin »unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) waren Reaktionen in den Sozialen Medien auf die Empfehlung des internationalen Bischofsrats der EmK. Dieser hatte sich für einen »Weg in die Zukunft« für die weltweite Evangelisch-methodistische Kirche ausgesprochen, um eine Lösung in den strittigen Fragen zur Homosexualität zu finden. Die Kritik an dieser Empfehlung war heftig. Es brauche einen anderen Umgang miteinander, empfindet Bischof Rückert und führt das in seiner Kolumne aus:

Anfeindungen und Hass fast schon normal

Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren etwas grundlegend verändert hat. Liegt es an der Wahrnehmung, die mit dem fortschreitenden Lebensalter einhergeht, oder ist tatsächlich eine Veränderung in unserer Gesellschaft geschehen? Mir scheint, der Ton ist rauer geworden. Besonders der Umgang mit Meinungen oder Überzeugungen, die nicht der eigenen Sichtweise entsprechen, ist härter geworden. Viele Medien – besonders die sogenannten »Sozialen Medien« – tragen dazu bei. Beleidigungen und Unterstellungen, Anfeindungen und Hass sind hier fast schon normal.

Beschimpfungen: unbarmherzig und pauschal

Auch als Kirche sind wir davon nicht verschont. Wir sind offenbar Kinder unserer Zeit. Die Entscheidung des Bischofsrats mit der Empfehlung für einen »Weg in die Zukunft« war noch keine 20 Minuten veröffentlicht, als eine Flut wüster Beschimpfungen und unbarmherziger Urteile in den Sozialen Medien losbrach. Unterschiedslos und pauschal wurde über Bischöfinnen und Bischöfe, aktiv oder im Ruhestand, hergezogen. Uns wurde die Befähigung zur Leitung der Kirche abgesprochen und Verrat an der biblischen Botschaft aus niedrigen Motiven unterstellt. In einigen Beiträgen wurde uns allen sogar der richtige Glaube abgesprochen. Warum? Weil die Empfehlung des Bischofsrats nicht der eigenen – konservativen oder liberalen – Meinung entsprach.

Erkenntnis bleibt Stückwerk

Beim ernsthaften, ehrlichen und geistlichen Ringen während des Bischofsrats wurde mir eine innere Haltung wichtig, die in einem der uns vorliegenden Berichte mit »convicted humility« bezeichnet war. Dieser englische Ausdruck ist schwer zu übersetzen. Am ehesten lässt er sich mit »Überzeugung in Demut« wiedergeben. Damit wird eine geistliche Haltung beschrieben: Ich darf eine eigene Überzeugung haben und diese auch klar formulieren. Ich gestehe aber zu, dass meine Überzeugung möglicherweise fehlbar ist und meine Erkenntnis Stückwerk. Deshalb will ich demütig sein und ernstnehmen, dass meine Ansicht vielleicht Korrektur braucht. Wenn wir in dieser Haltung ehrlich um unterschiedliche Überzeugungen ringen, wird es nicht mehr darum gehen, einen Streit zu gewinnen oder am Ende Recht zu behalten. Dann haben wir das gleiche Ziel vor Augen: miteinander nach Gottes Weg in die Zukunft zu fragen.

Nur veränderte Menschen verändern die Welt

Überzeugung gepaart mit Demut – das wünsche ich mir für unsere Gespräche in den Gemeinden. Nicht nur, wenn es um das Thema Homosexualität geht, das uns als Kirche derzeit stark herausfordert. Überall, wo wir uns mit unterschiedlichen Meinungen und Erkenntnissen auseinandersetzen, kann Überzeugung in Demut das Gespräch erleichtern. Das wünsche ich mir für unser Miteinander in unserer Kirche. Wenn uns das gelingt, können wir auch in unserer Gesellschaft zur Veränderung beitragen.

Foto: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Der Autor
Harald Rückert ist Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. Der Dienstsitz ist in Frankfurt am Main. Kontakt: bischofsbuero(at)emk.de.

Zur Information
Dieser Artikel erscheint im EmK-Magazin »Unterwegs« 12/2018 am 10. Juni 2018.