»Wie kann das Warten-Müssen zu einer Gelegenheit für uns werden?«, fragt sich Bischof Harald Rückert, um die coronabedingt zusätzlich zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen.

»Wie kann das Warten-Müssen zu einer Gelegenheit für uns werden?«, fragt sich Bischof Harald Rückert, um die coronabedingt zusätzlich zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen.

Bischofs-Kolumne

Begegnen geht nur »analog«

»Durch Corona« ausgefallene Konferenzen zeigen wie wichtig Gespräche und Begegnungen sind. Bischof Harald Rückert weiß um den Wert echter Begegnungen.

Ein Konferenzjahr in der Evangelisch-methodistischen Kirche ohne Tagungen der Jährlichen Konferenzen? Unvorstellbar! – So dachte ich. Bis »Corona « kam. Die geplanten Termine aller drei Jährlichen Konferenzen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland fielen der Pandemie zum Opfer. Dreimal fünf Tage weniger Termine für den Bischof. Das muss doch ein Geschenk der Entschleunigung sein. Es ist eine zeitaufwändige Herausforderung, zusammen mit den Verantwortlichen die Abläufe der Konferenzen umzuplanen. Für die nötigsten organisatorischen und finanziellen Belange wurden in allen Konferenzen Wege gefunden. Was schmerzlich fehlt, sind die Begegnungen bei den Konferenzen, die gemeinsame Ausrichtung auf Gott bei Gottesdiensten und Andachten sowie die Gespräche und das Diskutieren miteinander. Vieles geht »digital« inzwischen gut. Doch das, was eine Jährliche Konferenz im Kern ausmacht, geht nur »analog«: die persönlichen Begegnungen.

Warten-Müssen als Gelegenheit zum Reifen

Deshalb können unsere »großen Themen« nicht entscheidungsreif weiterentwickelt werden. Eine vor drei Jahren bei der Zentralkonferenz eingesetzte Planungsgruppe hatte Vorschläge erarbeitet, wie unsere kirchliche Arbeitsweise umgestaltet werden kann. Die vorliegenden Vorschläge müssten dringend diskutiert werden. Ohne Gespräch und Begegnungen bei Konferenzen geht das nicht. Vom Kirchenvorstand wurde im März letzten Jahres der »Runde Tisch« eingesetzt, um Lösungen in der strittigen Frage des Umgangs mit Homosexualität in unserer Kirche zu suchen. Nach ernsthaftem Ringen konnte im Januar dieses Jahres einmütig ein Kompromiss erzielt werden. Ohne die Konferenzen kommen wir aber nicht weiter. Mit beiden Themen befinden wir uns in einer Art Warteschleife. Wir können aktuell keine Entscheidungen treffen. Mir fällt das schwer, denn als Kirche brauchen wir Klarheit für unseren Weg. Immer wieder frage ich mich, wie wir es schaffen können, diese Spannung auszuhalten. Mehr noch: Wie kann das Warten-Müssen zu einer Gelegenheit für uns werden? Wie können wir die zusätzliche Zeit nutzen? Können wir die vorliegenden Arbeitsergebnisse weiter reifen lassen, um die von der Zentralkonferenz zu treffenden Entscheidungen noch tragfähiger zu machen? Was können wir für unser kirchliches Leben und Arbeiten aus unseren Corona-Erfahrungen lernen, auch für die beiden »großen Themen«?

Starkes Zeichen der Verbundenheit

Mitten in diesen Fragen waren die Vorbereitungen für den zentralen Sendungsgottesdienst aus Erfurt eine Zeit zur inneren Sammlung. Diesen Gottesdienst mit vielen anderen zu feiern und für die Übertragung fertigzustellen, wurde für mich ein Höhepunkt, der Mut macht. Viele verschiedene Gaben kamen zusammen. Kleine und große Bausteine wurden zusammengetragen, von denen erst im Nachhinein erkennbar wurde, wie fein sie sich tatsächlich ineinandergefügt hatten. Auch wenn der Gottesdienst wieder nur »online« mitgefeiert werden konnte, hat er viele Menschen verbunden und berührt. Die Klickzahlen im Internet weisen darauf hin, dass es weit mehr Menschen waren, als sie sonst bei den drei Konferenzgottesdiensten zusammengekommen wären. Bei der Gottesdienstgestaltung wirkten Personen aus allen drei Konferenzen mit. Dabei flossen kleine Traditionen und unterschiedliche Mentalitäten mit ein und fügten sich zu einem großen Ganzen. Für mich war dieser Gottesdienst ein starkes Zeichen dafür, dass wir über Konferenzgrenzen und Meinungsunterschiede hinweg verbunden sind durch die eine Einladung zu Jesus und die eine Sendung von Christus. Möge Gottes Geist uns zum Warten und Zupacken inspirieren, um von seiner Verheißung zu leben und seine Beauftragung anzunehmen.

Dieser Artikel ist dem zweiwöchentlich erscheinenden Magazin »unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche – Nummer 14/2020 vom 5. Juli 2020 – entnommen.
Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Der Autor
Harald Rückert ist als Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für Deutschland zuständig. Der Dienstsitz ist in Frankfurt am Main. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.