Kirchenverkauf

Ehemalige methodistische Kirche wird alevitisches Cemhaus

Vor zwei Jahren wurde das ehemalige Kirchengebäude der evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Mönchengladbach-Rheydt an die örtliche alevitische Gemeinde verkauft. Jetzt hat die Einweihung des Gebäudes als alevitisches Cemhaus für Aufsehen in der säkularen und kirchlichen Presse gesorgt.

In Mönchengladbach-Rheydt hatte die EmK-Gemeinde in einem Wohnhaus mit Gemeinderäumen und Kirchsaal bis Juni 2009 ihre Gottesdienste gefeiert. Nach Beendigung der dortigen Gemeindearbeit mit einer 135-jährigen Geschichte bemühte sich die EmK über längere Zeit vergebens, das Gebäude zu verkaufen. Das anfängliche Interesse einer christlichen Gemeinschaft zerschlug sich. Über persönliche Kontakte zur alevitischen Gemeinschaft in Mönchengladbach wurde deren Interesse am Kauf der Liegenschaft signalisiert. »Mit dieser Entscheidung für den Verkauf haben wir es uns nicht leichtgemacht« erklärt Rainer Bath, der für Mönchengladbach zuständige Superintendent der EmK. »Den Ausschlag hat schließlich gegeben, dass wir in der alevitischen Gemeinschaft einen Partner im interreligiösen Dialog sehen, der sich von typischen muslimischen Gemeinschaften deutlich unterscheidet.«

Bath betont die Dialogbereitschaft der alevitischen Glaubensgemeinschaft und ihre an gemeinsamen ethischen Werten ausgerichtete Frömmigkeit. Besonders die Betonung des Liebesgebots, die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und die Gleichstellung von Mann und Frau seien wichtige Kennzeichen, die die alevitische Gemeinschaft von vielen anderen Gruppierungen im Islam deutlich unterscheide. Dazu gehöre auch die sich vom Moscheeverständnis des Islams unterscheidende Haltung zum eigenen religiösen Gebäude, das Aleviten Cemhaus nennen. Es ist kein heiliger Ort, sondern ein Ort der Versammlung, der Lehre, der Aussprache über Probleme und des Schlichtens von Streit. Hinzu komme eine schon lange währende Tradition von Dialogen, die besonders auf Kirchentagen in großer Offenheit stattfanden und den Boden für eine achtungsvolle Begegnung schufen. Nur auf dieser Basis sei der Verkauf möglich gewesen.

Rosemarie Wenner, Bischöfin der EmK in Deutschland und Vorsitzende des weltweiten EmK-Bischofsrats, betont: »Die Versammlungsorte von evangelisch-methodistischen Gemeinden werden zu heiligen Räumen, wenn wir darin Gottes Wort verkündigen, Gott anbeten und christliche Gemeinschaft pflegen. Räume und Gebäude an sich betrachten wir nicht als heilig.« Die EmK prüfe im Falle eines Verkaufs alle Optionen sehr genau, weil dies für die Menschen bedeutsam sei, die ein Gebäude bisher als ihr Gotteshaus nutzten. Allerdings sei eine neue Nutzung durch Menschen anderen Glaubens aus Sicht der EmK nicht als »Entweihung“ anzusehen. Eine Kirche wie die EmK, die an vielen Orten in Deutschland ihre Arbeit in Gaststätten und Wohnzimmern begonnen habe, wisse, dass die Bedeutung von Räumen nicht durch Weihe oder Widmung gesichert werde, sondern durch die Menschen, die darin Gottesdienste feiern und Gemeinschaft leben. Der Verkauf an die alevitische Gemeinschaft sei daher eine begründete und sorgfältig abgewogene Entscheidung gewesen. Auf die von römisch-katholischer und evangelischer Seite in diesem Zusammenhang reklamierte »ökumenische Vereinbarung«, erwidert Wenner, dass »wir nie an ökumenischen Absprachen beteiligt waren, die den Verkauf eines kirchlich genutzten Gebäudes an Aleviten ausschlössen. Es liegt uns fern, Geschwister aus anderen Kirchen zu brüskieren, aber wir sahen für uns selbst keine Hindernisse, die einem Verkauf entgegenstanden.«

Klaus Ulrich Ruof

 

Stichwort Aleviten:

Die Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hat eine ausführliche Darstellung der alevitischen Glaubensgemeinschaft in EZW-Texte 211 veröffentlicht: www.ezw-berlin.de

Stichwort Cemhaus (Cemevi):

Internetlexikon Wikipedia de.wikipedia.org/wiki/Cemevi
(Dort wird erwähnt, dass in London ein Cemhaus in einer ehemaligen Synagoge zu finden ist und das Gebäude des Cemhauses in Berlin sich in einer ehemaligen Kirche befindet.)