Erntedank – ein von der Dankvergessenheit bedrohtes Fest

Erntedank – ein von der Dankvergessenheit bedrohtes Fest

Erntedank und Verantwortung

Achtsamkeit, bewusstes Genießen und Freude

Schöpfungsbewusstsein ist »Ansporn zum Umdenken und zum achtsamen Leben« sagt Ruhestandsbischöfin Wenner in einer Predigt. Zum Nachdenken am Erntedank.

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg feierte auf der Landesgartenschau in Lahr Anfang September einen ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Schöpfung. Rosemarie Wenner, die jetzt im Ruhestand in Nußdorf bei Heidelberg lebende Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche, hielt dort die Predigt. Nachfolgend Auszüge daraus zum Erntedanktag.

Der biblische Psalm 104 ist ein einziges und langes Loblied auf Gott, den Schöpfer. Der Beter betrachtete die Welt mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen einer längst vergangenen Zeit. Damals sah man die Erde als Scheibe an, die auf Pfeilern stand. Das Chaos der Wassermassen war gezähmt worden. Innerhalb dieses Weltbildes sah der Beter genau hin und schilderte die Vielfalt, wie sie sich ihm darstellte. Dies geschah gleichzeitig mit den Augen eines Menschen, der an Gott glaubte: An Gott, der sich seinem Volk Israel in der Schöpfung und in seinem Wort zu erkennen gibt. Alles, was der Beter des Psalms in seiner Welt entdeckte, bezog er auf Gott: Gott schuf die Erde und gestaltete darin die Lebensräume für Tiere, Pflanzen und Menschen. Über Gott wird allerdings nicht philosophiert oder theoretisiert. Gott wird angeredet und angebet. Gott ist das große DU: »Du lässt die Quellen hervorsprudeln ...«; »Du tränkst die Berge aus deinen Kammern ...«; »Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut ...«.

Wachstum liegt nicht allein in des Menschen Hand

Die Menschen sind auch in dem Bild, das der Beter sieht. Die menschliche Mühe und Arbeit wird benannt. Viel muss von uns Menschen getan werden, damit wir Brot gewinnen und den Wein noch dazu, der des Menschen Herz erfreut. Diese Mühe ist mit Sorgen verbunden, auch mit materiellen Sorgen, wie sie gerade dieses Jahr viele Landwirte belasten. Die Ernte fällt für die meisten von ihnen mager aus wegen der Trockenheit und der hohen Temperaturen. Wachstum liegt nicht allein in des Menschen Hand. Und mit der eigennützigen Ausbeutung der Erde richten wir mit unseren menschlichen Händen sogar viel Schaden an. Denn das Klima ist nicht nur Schicksal. Es wird davon beeinflusst, wie wir wirtschaften und leben. Wir hören die Warnungen. Wir wollen, dass der Klimawandel gestoppt wird. Dennoch tun wir längst nicht alles, was in unserer Macht steht, um die Schöpfung zu bewahren.

Zusammen mit den Gläubigen in der jüdischen Tradition sind auch wir Christen und Christinnen davon überzeugt: Wir verdanken unser Leben nicht uns selbst und trotz unserer Klugheit oder unserer Schaffenskraft können wir es auch nicht selbst erhalten. Von Gottes Früchten leben wir, obwohl wir mitwirken beim Säen, Pflanzen, Hegen und Ernten. Gott schuf alles, was ist. Ihm verdanken wir uns. Und Gott erhält den Kreislauf des Lebens: Gras für das Vieh; Milch, die uns stärkt; Wasser als Lebenselixier für alle und Wein, denn das Leben verdient es, gefeiert zu werden.

Es ist genug für alle da

Gottes Früchte ernähren uns und alles, was lebt. Sie werden uns gegeben. Reichlich. Es ist genug für alle da. Wir nehmen sie aus der Hand des Schöpfers und erinnern uns an das »DU«, dem wir alles verdanken. Wir denken an Gott voller Dankbarkeit und Freude und hoffentlich auch mit unserer Bereitschaft zur Umkehr. Psalm 104 regt an, dass ich mich als Teil des großen Ganzen sehe und mich hineinbegebe in Gottes Vision für die Welt: Alle sollen leben können, weil keiner alles für sich allein beansprucht. Es geht um das Ganze. Und ich gehöre zu diesem Ganzen. Wenn ich das erkenne, dann muss ich den Psalm nicht mehr gegen mich beten. Ich bete ihn für mich und für die Gemeinschaft, in die Gott mich hineinstellt. Dankbar erkenne ich an: Wir Menschen sind Teil der Schöpfung. Wir werden ärmer, wenn die Vielfalt der Arten eingeschränkt wird. Wenn ein Teil des Ganzen leidet, leiden auch wir. Und wenn wir zugunsten des Ganzen einen nachhaltigen Lebensstil einüben, werden wir auch ganz persönlich bereichert durch Achtsamkeit, bewusstes Genießen und Freude an dem großen Ganzen.

Saatkorn Hoffnung

Noch einmal: Es geht darum, wie wir auf die Welt sehen und wie wir uns selbst in dieser Welt wahrnehmen. Sehen wir uns im Gegenüber zu Gott, dem Schöpfer? Nehmen wir wahr, dass Gott uns zuwachsen lässt, was wir brauchen, sodass wir von Gottes Früchten leben können? Investieren wir deshalb unseren Teil des Saatkorns Hoffnung, damit Gutes wachsen kann in unserer Welt? Wir Christen glauben: Gott wirkt in dieser Welt – erhaltend und erneuernd: »Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!« Wer so betet, hat Gutes zu erwarten und tut Gutes. Denn die Freude an Gott ist Ansporn zum Umdenken und zum achtsamen Leben.

Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »unterwegs« 20/2018 vom 30. September 2018 entnommen.
Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Die Autorin
Rosemarie Wenner war von 2005 bis 2017 Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. Im Ruhestand ist sie weiterhin ökumenisch und international aktiv. Kontakt über oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.