Eine Neufassung der Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche ist in Vorbereitung. Der Heilbronner EmK-Pastor Tilmann Sticher arbeitet daran in einer international besetzten Arbeitsgruppe mit.

Eine Neufassung der Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche ist in Vorbereitung. Der Heilbronner EmK-Pastor Tilmann Sticher arbeitet daran in einer international besetzten Arbeitsgruppe mit.

Nicht nur Formulierungsfragen

Das Gesicht der Welt verändern

Wie konkret kann ein Dokument sein, das weltweit Bedeutung haben soll? Das ist die Herausforderung für die Neufassung der Sozialen Grundsätze der EmK.

Die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) hat sich zum Ziel gesetzt, einen ihrer Grundlagentexte neu zu fassen. Erstmalig seit 1972 sollen nicht nur Passagen oder Formulierungen der »Sozialen Grundsätze« geändert oder neu formuliert werden. Es geht um eine echte Neufassung. Jetzt liegt ein Entwurf vor, der zur Diskussion freigegeben ist und zu dem Rückmeldungen erbeten werden.

US-Lastigkeit des Dokuments wurde zum Problem

Vier Jahre nachdem sich die beiden Vorgängerkirchen Evangelische Gemeinschaft und Methodistenkirche 1968 zur Evangelisch-methodistischen Kirche vereinigt hatten, wurden die »Sozialen Grundsätze« auf Beschluss der Generalkonferenz Teil der »Verfassung, Lehre und Ordnung« der EmK. Seither hat die alle vier Jahre tagende Generalkonferenz Inhalte und Formulierungen dieses wichtigen EmK-Dokuments immer wieder angepasst und weiterentwickelt. In dieser Zeit sind zwei Dinge unverändert geblieben: die Struktur des Dokuments und die an vielen Stellen erkennbare Orientierung an US-amerikanischen Verhältnissen. Besonders die US-Zentrierung vieler Ausführungen führte im internationalen Gebrauch zunehmend zu Kritik. Deshalb beschloss die Generalkonferenz vor sechs Jahren eine grundsätzliche Überarbeitung mit dem Ziel einer Neufassung.

Die internationale Stimme der EmK zu Gehör bringen

Mit der Aufgabe, die Sozialen Grundsätze zu überarbeiten, wurde die international besetzte Kommission für Diakonie und gesellschaftspolitische Verantwortung (General Board of Church and Society, GBCS) betraut. Die Neufassung hatte drei Anforderungen zu erfüllen: Die Formulierungen sollten prägnanter sein, die theologische Herleitung der Aussagen sollte deutlicher erkennbar werden und die weltweite Anwendbarkeit war als Kriterium stärker in den Blick zu nehmen.

Um wirklich die »internationale Stimme der EmK« einzubeziehen, führte die Kommission ab 2015 weltweit in verschiedenen Ländern sogenannte »Zuhör-Begegnungen« durch. »Das war für mich besonders spannend«, erzählt Tilmann Sticher. Als Mitglied der Kommission ist er Teil der Arbeitsgruppe, die mit der Neufassung der Sozialen Grundsätze befasst ist. »Ich war erstaunt, wie die US-amerikanischen Kommissionsmitglieder immer wieder die Meinungen aus der EmK von außerhalb der Vereinigten Staaten einforderten und aufmerksam zuhörten«, beschreibt der Heilbronner EmK-Pastor seine Erfahrungen im Verlauf dieser anspruchsvollen Neubearbeitung.

Der Globalisierung ein Dokument christlicher Leitlinien zur Seite stellen

Mit welchen Herausforderungen die Arbeitsgruppe konfrontiert war, erläutert Sticher am Wort »Rasse«. In den Vereinigten Staaten sei dieser Begriff allgegenwärtig und als Bezeichnung für Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Abstammung üblich. »Es war gar nicht so einfach zu vermitteln, dass man das Wort ›Rasse‹ wegen der nationalsozialistischen Geschichte im Dritten Reich heute im Deutschen nicht unbelastet verwenden kann«, schildert Sticher eine dieser besonderen Situationen. Neben solchen Feinheiten von Sprache und Geschichte war die Arbeitsgruppe mit der Frage konfrontiert, wie ein Grundsatzdokument zum konkreten Handeln auffordern kann. »Unsere ständige Frage war: Wie konkret kann ein Dokument sein, das weltweit Bedeutung haben soll?«, beschreibt Sticher den Prozess. Nach der zurückgelegten Wegstrecke zeigt er sich überzeugt, dass die EmK mit der Neufassung der Sozialen Grundsätze »der wirtschaftlichen Globalisierung ein Dokument christlicher Leitlinien zur Seite stellen kann«. Ganz praktisch gehe es darum, »dass von vielen kleinen Leuten an vielen kleinen Orten gelebt wird, was das Gesicht der Welt verändern kann«. Das sei konkreter Ausdruck des EmK-Auftrags, »Menschen zu Jüngern und Jüngerinnen Jesu Christi zu machen, um so die Welt zu verändern«.

Jetzt ist die Basis wieder gefragt

Sticher freut sich, dass der Entwurf jetzt vorliegt. Neben der englischen Fassung gibt es davon auch Übersetzungen ins Französische, Portugiesische und auf Suaheli. Auf die Frage, warum es vorläufig keine deutsche Fassung gibt, erklärt das einzige deutsche Kommissionsmitglied: »Da im europäischen Kontext viele Menschen Englisch sprechen, wurde auf eine Übersetzung ins Deutsche verzichtet, um Ressourcen für erforderliche Übersetzungen in andere Sprachen zu haben.« Das sei auch ein Ausdruck der internationalen Zusammenarbeit, so Sticher. Vorhandene Mittel sollten dort eingesetzt werden, wo sie unbedingt gebraucht würden.

Mit der vorgeschlagenen Neufassung ist jetzt die EmK-Basis in aller Welt wieder an der Reihe. Über das Internet können bis August dieses Jahres Kommentare, Rückmeldungen und Ergänzungsvorschläge eingebracht werden. Außerdem, so Sticher, gebe es in verschiedenen Regionen auch Treffen, bei denen der Text eingehend diskutiert werden kann. Für den deutschsprachigen Raum ist im August ein Treffen im hessischen Braunfels geplant. Ab September werden die Rückmeldungen gesichtet, um sie bis Mitte nächsten Jahres in einer Endfassung zusammenzuführen. Diese wird dann der im Jahr 2020 tagenden Generalkonferenz zur Diskussion und Beschlussfassung vorliegen. Wie die Delegierten der Generalkonferenz diese neugefassten, global ausgerichteten Sozialen Grundsätzen aufnehmen werden, wird mit Spannung erwartet. Sticher erhofft sich von den neu formulierten Sozialen Grundsätzen, »dass Methodisten und Methodistinnen in unterschiedlichen Teilen der Welt, ihren Glauben noch mehr in gesellschaftlicher Verantwortung leben«.

Grafik: EmK-Öffentlichkeitsarbeit, Foto: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit 


Der Autor
Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.

Weiterführende Links
Meldung zur Neufassung der Sozialen Grundsätze (Englisch)
Neufassung der Sozialen Grundsätze (Entwurf in englischer Sprache)
Anleitung für Kommentierung und Rückmeldungen (Englisch)
Die Sozialen Grundsätze der EmK (seitherige Fassung 2013)
Die Sozialen Grundsätze der EmK (seitherige Fassung 2010, Druckversion)

Zur Information
Am Fuß der Internetseite steht ein Online-Umfrage-Formular in englischer Sprache zur Verfügung, um Rückmeldung zur Neufassung der Sozialen Grundsätze zu geben.

Für den deutschsprachigen Raum findet am 15. und 16. August 2018 in Braunfels (Hessen, Deutschland) ein Forum zur Diskussion der Neufassung der Sozialen Grundsätze statt. Das Forum wird von den beiden Zentralkonferenzen Deutschland und Mittel- und Südeuropa gemeinsam durchgeführt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Interessenten wenden sich an die Kirchenkanzlei in Frankfurt am Main (bischofsbuero(at)emk.de) oder an das Bischofsbüro in Zürich (bischof(at)emk-schweiz.ch).