Wie ein Protestlied zu einem der bekanntesten Adventslieder wurde, erklärt Bischof Harald Rückert.

Wie ein Protestlied zu einem der bekanntesten Adventslieder wurde, erklärt Bischof Harald Rückert.

Kolumne des Bischofs

Ein Lied als Türöffner

Seit vielen Generationen prägt das Lied »Macht hoch die Tür« Gottesdienste während der Adventszeit. Woher es kommt und was es heute sagt.

In einer Kolumne des Kirchenmagazins »Unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche erklärt Bischof Harald Rückert was ihm das Adventslied »Macht hoch die Tür« bedeutet. Die Redaktion von emk.de übernimmt diesen Artikel zum vierten Advent.

Singender Widerstand

Schon immer hat mir dieses Adventslied gefallen. Pfarrer Georg Weissel aus Königsberg schrieb es im Jahr 1623. Dazu wird eine berührende Geschichte überliefert: Ein gewisser Herr Sturgis ließ kurzerhand einen Weg versperren, der vom Armenhaus der Stadt über das Wiesengrundstück vor seinem Schlösschen zur Kirche führte. Er tat dies mit dem Hinweis, dass er die Elendsgestalten einfach nicht jeden Sonntag vor seinem Haus vorbeilaufen sehen möchte.
Am vierten Advent kam der Kurrendechor zu Sturgis’ Haus. Zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Heim hatten sich den Sängern angeschlossen. Vor dem abgesperrten Gartentor des Geschäftsmannes hielt Weissel eine kurze Predigt. Mit großem Ernst sprach er von der hochmütigen Verblendung, mit der viele Menschen dem König aller Könige, der ja auch das Kind in der Krippe sei, die Tore ihres Herzens versperrten, so dass er bei ihnen nicht einziehen könne. Mit erhobener Stimme wurde er sehr konkret: »Und heute, lieber Herr Sturgis, steht er vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist.«
Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als der Chor das neue Lied zu singen begann: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …« Noch bevor die letzten Töne des Liedes verklungen waren, griff Sturgis in seine Tasche, kramte den Schlüssel hervor und öffnete das Tor. Die Bewohner des Armenhauses hatten ihren kurzen Weg zur Kirche wieder. Noch lange Zeit wurde er »Adventsweg« genannt.

Gott hat Tore und Türen des Himmels aufgerissen

So kann es also gehen mit einem Adventslied. Es öffnet die Herzenstür eines Menschen und dadurch eröffnen sich Wege für andere Menschen. Mich berührt diese Geschichte. Umso mehr, als in den zurückliegenden Monaten immer ungenierter über Zäune, Tore und Mauern in Europa und anderen Stellen der Welt geredet wird, um das Flüchtlingselend aus unserem Blickfeld zu verbannen. Wie klar ist demgegenüber die Botschaft des Liedes!
Weihnachten steht vor der Tür. Wir feiern, dass Gott sämtliche Tore und Türen des Himmels aufgerissen hat, um uns ganz nahe zu kommen. In einer Notunterkunft, unter ärmlichen Umständen, kam Jesus auf die Welt. Bald danach befanden sich seine Eltern mit ihm aus Angst um Leib und Leben auf der Flucht.
Als Christen sind wir Gefolgsleute dieses Gottes. Möge uns diese Botschaft neu ergreifen, erfüllen und bewegen. Gesegnete Weihnachten!

Bildnachweis: Volker Kiemle, © EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »unterwegs« 26/2018 vom 23. Dezember 2018 entnommen.


Der Autor
Harald Rückert ist Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. Der Dienstsitz ist in Frankfurt am Main. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.