Nicht nur beim Abendmahl gibt es im Gottesdienst »etwas zu erleben«. Der Gottesdienst lebt davon, dass das Hören vom Erleben verstärkt wird.

Nicht nur beim Abendmahl gibt es im Gottesdienst »etwas zu erleben«. Der Gottesdienst lebt davon, dass das Hören vom Erleben verstärkt wird.

Gottesdienst neu entdecken

Erleben ist mehr als Überzeugt-Werden

Gottesdienst ist nicht nur Hören, es geht auch ums Erleben. Ein Artikel der Kirchenzeitung »unterwegs« erklärt, warum das Erleben das Hören verstärkt.

»Wir müssen unters Wort gehen!« hieß es früher oft, wenn ältere Gemeindeglieder davon redeten, wie wichtig ihnen der Gottesdienst ist. Das »Wort«, und das hieß vor allem, die Predigt, steht im Zentrum des Gottesdienstes. Dafür gibt es guten theologischen Grund. »So kommt nun der Glaube aus dem Hören«, ist im Römerbrief (10,17) zu lesen. Hat sich daran etwas geändert? Lassen heutige Beobachtungen eher vermuten: »So kommt nun der Glaube aus dem Erleben«? Sind aber »Hören« und »Erleben« überhaupt so verschieden?

Als die Redewendung »unters Wort gehen« entstand, war Hören bestimmt nicht losgelöst von Erleben. Das gilt für die Zeit, als die ersten methodistischen Gemeinden zunächst Stubenversammlungen waren. Eine Predigt zu hören, war wesentlich mehr, als jemanden zu erleben, der sich in der Bibel besser auskennt, als man selbst. Es ging darum, das Wort Gottes bei sich zu Hause aufzunehmen.

Erfahrung neu entdecken

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als »man nur auf die Kanzel zu steigen brauchte, um eine volle Kirche zu haben« – so ähnlich drückte es ein älterer Prediger aus – gehörte das Zeugnis zum Gottesdienst, stärker als heute. Es war die Antwort auf die Predigt aus dem eigenen Erleben. Eindringliche Chorlieder und ein starker Gemeindegesang mit eingängigen Melodien trugen ihren Teil zum aufrüttelnden Erlebnis bei.

Das Eingehen auf Erlebnis-Bedürfnisse bei der Gottesdienstgestaltung ist also keine neue Mode, sondern eine Wiederentdeckung. Warum ist es überhaupt aus dem Blick geraten? Zwei Antworten könnten sein: Allzu gefühlvolle Lieder wurden von der zweiten und dritten Generation als manipulativ empfunden. Und Zeugnisse sind im guten Fall bewegend, im schlechten Fall bringen sie die zum Verstummen, die eher Fragen als Gewissheit haben.

In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass Predigten das Erleben desto stärker berücksichtigen, je sorgfältiger sie vorbereitet sind. Ein mitgebrachter Gegenstand, eine mit Gesten dargestellte Szene bleiben ja auch viel besser haften, als das reine Hören auf Argumente. Ein eigenes Erleben leuchtet besser ein, als der gespürte Versuch, dass jemand überzeugt werden soll.

Gemeinschaft ist das Ziel

Die von der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche im vergangenen Jahr beschlossene »elementare Form« rückt im Gottesdienst nun neben dem Hören die Gemeinschaft im dritten Teil des Gottesdienstes stärker in den Blick. Ausgangspunkt ist, dass das Abendmahl mit gemeinsamem Beten, Essen, Trinken von sich aus sinnliche Elemente hat, die auf mehr als einer Ebene ansprechend sind. So werden etwa die Fragen, ob denn wirklich Ungetaufte und Uneingesegnete teilnehmen dürfen, nicht durch Argumente überwunden. Sie verstummen hoffentlich – so ging es jedenfalls John Wesley – wenn mit Glauben wenig vertraute Leute und Kinder von heiligem Ernst ergriffen werden, weil sie bei diesem feierlichen Ritus dabei sein können. Wenn erlebbar wird, was Jesus bei Menschen bewirkt, entsteht Gemeinschaft über die Gemeinde hinaus, da die Frommen nicht im Weg stehen, sondern Jesus beim Einladen und Teilen helfen.

Deshalb stellt es die neue Ordnung nicht ins Belieben, in welcher Reihenfolge Verkündigung und Gemeinschaft im Gottesdienst stehen: Gemeinschaft ist das Ziel. Oder anders ausgedrückt: Gemeinde ist ein Ort, an dem Gott handelt – und das soll in unseren Gottesdiensten auch erlebt werden können.

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 13/2018


Die Autoren
Jörg Herrmann, Irmingard Gries und David Schwarz gehören der »Fachgruppe Gottesdienst und Agende« an. In dieser Fachgruppe wurde die Reform des Gottesdienstes der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland auf den Weg gebracht. Kontakt: joerg.herrmann(at)emk.de

Zur Information
Die Zentralkonferenz Deutschland der Evangelisch-methodistischen Kirche hat bei ihrer Tagung im März 2017 in Hamburg eine Gottesdienstreform beschlossen. Vier Teile sollen den Gottesdienst ausmachen: Ankommen, Hören, Teilen und Weitergehen. Die Reform soll zusammen mit den Gemeinden erfolgen. Das Gemeinsame soll sich in der Erkennbarkeit der vier Gottesdienstteile zeigen.

www.emk-gottesdienst.org